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Achtsames Leben – Wird alles immer unsicherer?
von Richard Stiegler
Wir erleben derzeit eine Phase der globalen Instabilität. Viele Menschen würden dieser Aussage wohl zustimmen und es gibt nicht wenige, die unterschwellig auf die eine oder andere Weise damit beschäftigt sind. Ängste, Depressionen und reflexhafte Abwehrmuster nehmen in unserer Gesellschaft zu und in vielen Gesprächen beobachte ich seit einiger Zeit, wie sich Menschen wegen dieser Entwicklung Sorgen machen.
Aber stimmt diese Aussage eigentlich? Oder ist sie nur eine bestimmte Perspektive auf die doch ziemlich komplexe Wirklichkeit? Ist sie vielleicht nur eine aktuelle gängige Erzählung? War nicht die Welt immer schon in Bewegung – zeitweise sehr offensichtlich und dann wieder eher unsichtbar – wie im Winter, wo das Keimen des Frühlings verdeckt im Erdreich geschieht? Gibt es nicht auch weiterhin viele tragende Strukturen, die sehr verlässlich funktionieren? Was stimmt nun? Und was bewirken diese verschiedenen Perspektiven in unserem Erleben?
Wirklichkeit – eine Erzählung
Was wir uns meistens nicht bewusst machen, ist, wie stark wir von Erzählungen beeinflusst werden. Erzählungen sind Sichtweisen eines Geschehens – also eine Interpretation des Erlebten. Wie wir alle wissen, ist eine Interpretation niemals objektiv, sondern spiegelt nur wider, auf welche Weise die betrachtende Person auf ein Ereignis schaut.
Wenn uns zum Beispiel ein Geschehen verletzt, können daraus sehr unterschiedliche Formen von Interpretationen entstehen. Im ersten Moment sind wir vielleicht wütend und viele Projektionen prägen unsere Gedanken. Doch wenn wir nach einiger Zeit mit der Situation Frieden schließen, verändert sich unsere Sichtweise und damit auch häufig unsere Interpretationen dazu. Erzählungen sind also niemals objektiv, sondern können sich ändern – manchmal sogar radikal.
Wenn Erzählungen einrasten
Obwohl eine Erzählung nur eine bestimmte Perspektive auf die äußerst vielfältige und lebendige Wirklichkeit ist und obwohl sie sich auch wieder ändern kann, kann sie doch eine große Macht über uns entfalten. Je öfter wir uns nämlich eine bestimmte Sichtweise vergegenwärtigen, desto stärker fängt sie an, unser Erleben zu bestimmen. Die Erzählung wird für uns zur Wirklichkeit, die uns mehr und mehr auf allen Ebenen bestimmt.
Diesen Vorgang nennt man Identifikation und er ist ein zentraler Aspekt der Egostruktur – eine Fokussierung auf eine bestimmte Perspektive, die immer mehr einrastet und einen Tunnelblick bewirkt. Wir sehen und empfinden die Wirklichkeit nur noch aus diesem eingeengten Blickwinkel heraus. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob dieser Tunnelblick die Weltlage, unsere Nachbarn oder uns selbst betrifft. In all diesen Bereichen können wir unsere Offenheit und Weitsicht verlieren und in einer sehr kleinen inneren Welt gefangen sein.
Auch unsere Geschichte ist eine Erzählung
Ist uns das bewusst? Sehr häufig nicht. Wie oft haben wir das Gefühl, dass unsere Meinung die einzig legitime Sicht auf die Wirklichkeit darstellt und andere natürlich nicht Recht haben? Oder wie oft denken wir, dass die Interpretation unserer Kindheit die einzig richtige ist? Glauben wir nicht alle, dass unsere sogenannte „Geschichte“, die wir uns über unsere Eltern und unsere Umstände als Kind erzählen, wahr ist?
„Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innere Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, dass jeder von uns eine „Geschichte“ konstruiert und lebt. Diese Geschichte sind wir selbst, sie ist unsere Identität.“
Oliver Sacks
Auch eine Lebensgeschichte ist eine „Geschichte“, also eine Art der Interpretation, die sich im Laufe unseres Lebens herausgebildet hat und eine zentrale Säule unserer Identität als Mensch bildet. Sie entsteht einerseits daraus, wie wir eigene Lebenserfahrungen verarbeitet haben und beinhaltet oft auch Erzählungen von anderen Menschen über uns. Zum Beispiel, wie unsere Mutter unsere Geburt erlebt hat oder wie sie uns als kleines Kind beschreibt.
Was uns prägt
All diese eigenen oder fremden „Erlebnisse“, die in uns abgespeichert sind, hängen immer davon ab, wie wir ein Ereignis verarbeitet und in eine Interpretation des Erlebten – also in eine Erzählung – eingebaut haben. Was uns also prägt und zu einer Lebensgeschichte gerinnt, ist nicht das, was wir „objektiv“ erlebt haben, sondern vielmehr das Ergebnis davon, wie wir das Erlebte verarbeitet haben. Unsere Lebensgeschichte ist damit hochgradig subjektiv. Und die Erzählung dazu kann sich im Laufe unseres Lebens mehrfach ändern.
Ist unsere Geschichte also nur eine Erfindung und damit falsch? Dürfen wir unseren Erinnerungen nicht mehr trauen? Sollten wir alle Meinungen und Vorstellungen, die wir über das Geschehen in der Welt haben, fallenlassen? Nein. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, davon auszugehen, dass unsere Geschichte, unsere abgespeicherten Erfahrungen oder Meinungen objektiv sind. Sie sind zutiefst subjektiv. Sie zeugen davon, wie wir die Welt subjektiv verarbeitet haben und interpretieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wenn uns also jemand gegenübersitzt, der davon betroffen ist, wie unsicher die Welt geworden ist und seine Meinung darüber kundtut, was getan werden müsste, dann erfahren wir etwas Wahrhaftiges über diesen Menschen und seine Innenwelt, in der er lebt. Wie die Wirklichkeit tatsächlich ist, können wir getrost offenlassen. Denn sie ist immer größer als das, was wir erfassen können.
ÜBUNG: Eine Episode aus unserer Geschichte
- Lass ein für dich wichtiges Ereignis aus deiner Kindheit oder Jugend auftauchen. Es kann ein schwieriges Ereignis oder ein stärkendes sein.
Nimm dir Zeit, das Ereignis nochmal zu vergegenwärtigen. - Dann frage dich: Was war für dich das zentrale Geschehen – die Schlüsselszene – in dem Ereignis?
- Wenn die Schlüsselszene eine Botschaft beinhalten würde, welche Worte tauchen hier auf?
- Lass die Botschaft jetzt innerlich klingen und erforsche, wie deine Seele darauf reagiert. Was geschieht dabei im Körper? Welche Gebärde entsteht dazu? Welche Gefühle werden ausgelöst? Welche inneren Bilder entstehen zu diesem Seelenzustand? Was immer auftaucht, gestatte es dir!
- Dann mach dir bewusst, zu welchen Grundüberzeugungen über dich oder das Leben dieses Ereignis geführt hat?
- Wenn du mit dieser Grundüberzeugung durchs Leben gehst, wie prägt das deine Wahrnehmung, deine Meinung und deine Art, dich im Leben zu verhalten?
- Mach dir jetzt bewusst, dass es nur deine persönliche Art war, das Ereignis zu verarbeiten. Atme tief durch und lege bewusst alle Überzeugungen zur Seite. Was öffnet sich, wenn du von dieser Prägung frei bist? Wer bist du dann?