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Achtsames Leben – Glaube und Götter
von Richard Stiegler
Haben wir nicht manchmal den Eindruck, dass unser Leben sehr unbedeutend ist? Wie klein erscheinen uns doch die eigenen Möglichkeiten gegen die großen Probleme dieser Welt? Und was können wir schon bewirken?
Dabei übersehen wir, dass das meiste, das über uns hinauswirkt, im Verborgenen stattfindet. Alles, was wir zu geben haben und wie wir sind, speist sich ins große Netz des Lebens ein und wirkt dort wie eine Welle weiter, die sich, einmal angestoßen, unendlich verbreitet. Da wir aber meist nur auf das Sichtbare und das Spektakuläre schauen, schätzen wir den eigenen Wirkungsrahmen als viel geringer ein als er tatsächlich ist. Oder: wir überfordern uns mit dem Anspruch, „Großes“ in unserem Leben bewirken zu wollen. Beides aber verkennt die tatsächliche Wirkung unseres Lebens, die nicht (oder nur zu einem kleinen Teil) im Sichtbaren liegt.
Ein für mich leuchtendes Beispiel dieser Wirkung im Verborgenen sind die Geschichten von Rachel Naomi Remen, die vor kurzem, am 8. August 2026, verstorben ist. Die Weisheit ihrer Geschichten begleitet mich seit über 30 Jahren in meinen Gruppen, sodass ich heute sagen kann, sie sind Teil meiner Seele und meines Wirkens geworden. Ihre Geschichten haben so viele Menschen berührt und inspiriert. Wusste Rachel davon? Natürlich nicht. Wissen wir davon, wie wir über uns hinauswirken?
Früchte des Leidens
Noch etwas anderes zeigt sich exemplarisch am Leben von Rachel Naomi Remen. Die Weisheit, die wir in ihren Geschichten finden, ist eine unmittelbare Frucht aus der lebenslangen chronischen Krankheit, die sie selbst zu bewältigen hatte, aber auch aus den Erfahrungen von vielen Menschen in existentiellen Krisen, die sie als Psycho-Onkologin begleitete. Was könnte lehrreicher sein? Und woran reifen wir mehr als an den existentiellen Herausforderungen, die das Leben an uns stellt?
So schreibt Rainer Maria Rilke in seinen Briefen an einen jungen Dichter:
„Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück. Es entsteht eine Stille – und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.“
Ja, vielleicht sollten wir tatsächlich das Schwere, mit dem wir konfrontiert werden, viel mehr wertschätzen, denn hier können die Früchte menschlicher Reife und Weisheit heranwachsen.
Was wirklich zählt
Aus Anlass des Todes von Rachel Naomi Remen und um sie und ihr Wirken zu würdigen, möchte ich heute eine kurze Geschichte von ihr abdrucken. Sie heißt: „Was wirklich zählt“, aus dem Buch „Aus Liebe zum Leben“, Seite 71, erschienen im Arbor-Verlag.
Als ich noch klein war, gab es eine Woche, in der das ganze Land wusste, dass jedes menschliche Leben unersetzlich ist. Das ist zwar schon lange her, aber ich erinnere mich noch, dass irgendwo im mittleren Westen ein Kind in einen stillgelegten Brunnen gefallen war. Eine Woche lang kämpfte ein Rettungstrupp darum, es wieder herauszuholen. Das war noch vor der Zeit des Fernsehens und überall liefen im Radio Berichte darüber – in Geschäften, in Bussen, selbst in der Schule. Völlig Fremde sprachen sich auf der Straße an und fragten: „Irgendwelche Neuigkeiten?“ Menschen aller Religionen beteten zusammen.
Während die Rettungsaktion ihren Lauf nahm, fragte niemand danach, ob das da unten in dem Brunnen das Kind eines Professors, einer Putzfrau oder einer reichen Familie sei. War das Kind schwarzer, weißer oder gelber Hautfarbe? War das Kind brav oder ungezogen, klug oder schwer von Begriff? In jener Woche wusste jedermann, dass diese Dinge nicht wirklich zählten, dass die Wichtigkeit des Lebens eines Kindes nichts mit all dem zu tun hat. Der Verlust eines Menschenlebens berührte uns alle. Wäre für jeden von uns ein Verlust gewesen.
Und ohne dass dies laut ausgesprochen wurde, wussten wir alle, dass dies überhaupt nichts Persönliches hatte. Nicht nur dieses menschliche Leben war von großem Wert, sondern unser eigenes Leben hatte denselben Wert. Wenn wir selbst in diesem Brunnen gesteckt hätten, wären die Gedanken und Gebete des ganzen Landes auch mit uns gewesen. Wenn wir alle das jetzt wussten, nachdem ein Mensch in einen Brunnen gefallen war, dann hatten wir es auch schon vorher gewusst. Dieses dramatische Ereignis hatte uns nur an etwas Wahres erinnert, was wir immer schon gewusst hatten.
Dann gelang die Rettung und wir alle vergaßen es wieder. Es ist wirklich erstaunlich, wie leicht es ist, zu vergessen, dass jedes einzelne Leben zählt, dass wir alle gleich viel wert sind – bedingungsloser Liebe wert.
ÜBUNG: Früchte der Weisheit
- Lass eine Situation auftauchen, die für dich herausfordernd war. Was war es genau, das daran so schwierig oder belastend für dich war?
- Welche Erkenntnis ist daraus erwachsen? Oder welche Fähigkeit konnte dadurch in dir heranreifen?
- Vergegenwärtige dir diese Erkenntnis oder Fähigkeit und spüre, was sich dabei innerlich ausbreitet.
- Lass dazu eine Gebärde auftauchen und nimm sie ein. Wie erfährst du es, mit dieser Erkenntnis oder Fähigkeit in der Welt zu sein?
- Wie gehst du in Zukunft mit schwierigen Situationen um, wenn du diese Erkenntnis oder Fähigkeit verinnerlicht hast? Was verändert das an deiner generellen Lebenshaltung?