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Achtsames Leben – So viel Leiden!

von Richard Stiegler

In den letzten Wochen ist ein weiterer Krieg im Iran entbrannt, der unvorstellbares Leid über Kinder, Frauen und Männer – ja, über ganze Völker bringt – und der sich auf die ganze Welt auswirkt. Als ob der Schrecken in Israel und Palästina und der Krieg, der seit vier Jahren in der Ukraine tobt, nicht ausreichen würden. Ist das nicht schrecklich, wie sich Menschen immer wieder gegenseitig so viel Leiden antun?

Ja, es ist erschütternd und wir tun gut daran, uns diese Gefühle zuzugestehen. Denn wie schnell sind wir darin, die eine oder andere Seite zu verurteilen oder in Diskussionen einfache Lösungen für die komplexen Konflikte dieser Welt zu postulieren. Dabei ist das Wahrhaftigste, das wir zur Verfügung haben, unsere Betroffenheit und unsere Hilflosigkeit. Können wir uns das eingestehen? Und wenn ja, genügt das?

 

Was heißt denn hier „Annehmen“?

Immer wieder werden wir mit Konflikten und großer Not konfrontiert – sei es im eigenen Leben oder in größeren Zusammenhängen. Und es stellt sich, wie so oft, die Frage nach dem Umgang damit: Alles annehmen? Ist das nicht das, was uns im spirituellen Kontext geraten wird? Können und dürfen wir wirklich Gewalt, offensichtliches Unrecht und menschengemachte Not akzeptieren? Oder haben wir da etwas missverstanden?

Eine Frage wird mir immer wieder gestellt, wenn ich in Gruppen über bedingungslose Annahme spreche: „Was heißt hier Annehmen?“ Sollen wir es etwa gut finden oder sogar begrüßen, was geschieht? Oder die Hände in den Schoß legen und alles über uns ergehen lassen? Und wenn das nicht gemeint ist, was ist dann mit Annehmen gemeint? Gibt es eine Alternative?

 

Annahme im Lichte des Gewahrseins

Zunächst einmal bedeutet Annehmen nicht, dass wir alles gut finden müssen, was geschieht. Und es meint auch keine schicksalshafte Ergebenheit, bei dir wir passiv alles erdulden und nicht – im Rahmen unserer Möglichkeiten – handeln und die Welt gestalten.

Nein. Bedingungslose Annahme bedeutet zuallererst schlicht anzuerkennen, was existentiell geschieht. „Das, was ist, ist – nichts weiter“ ist eine zentrale Anweisung im Kontext der Meditation. Wie die spiegelgleiche Oberfläche eines Sees, auf der sich alle Ereignisse unterschiedslos abzeichnen, ist auch der Raum des Bewusstseins vollkommen empfangend und nimmt alles ohne Unterschiede in sich auf. „Das, was ist, ist“ ist daher genau genommen keine Anweisung. Es ist nichts, was wir tun oder lassen könnten. Es ist eine Erinnerung an das Existentielle. Im Lichte des Gewahrseins ist alles, was geschieht, angenommen – das Konstruktive und Erwünschte genauso wie alles Destruktive und Unerwünschte.

 

Können wir uns annehmen?

Das Gewahrsein nimmt jedoch nicht nur die Ereignisse der Welt in sich auf, sondern auch unsere Emotionen und inneren Reaktionen, die wir bei einem solchen Ereignis haben. Unsere Betroffenheit, unsere Ohnmacht, unser Ärger und unsere Widerstände tauchen ebenso im Spiegel des Bewusstseins auf, wie die äußere auslösende Situation. „Das, was ist, ist“ gilt damit auch für unsere Gefühlsreaktionen.

Tatsächlich ist das Wichtigste, das wir annehmen müssen, um wieder in Frieden zu kommen, nicht die äußere Situation, sondern die Art, wie wir darauf reagieren. Können wir uns den Schmerz, die Hilflosigkeit oder unsere Empörung erlauben? Können wir diese Gefühle zulassen?

Zulassen bedeutet jedoch nicht, diese Gefühle auszuagieren, sondern ihnen in uns Raum zu geben. Das ist eine wichtige Unterscheidung, denn all diese Emotionen entstehen aus dem Unfrieden mit der auslösenden Situation. Und wenn wir aus einem inneren Unfrieden heraus handeln, stiften unsere Handlungen weiteren Unfrieden in der Welt. Unfriede bringt Unfriede hervor. Kennen wir das nicht alle aus unseren Beziehungen? Wenn jemand mit uns im Unfrieden ist und uns mit Vorwürfen überzieht, reagieren wir dann nicht meist instinktiv mit Rechtfertigungen oder sogar mit einem Gegenangriff

 

Den Frieden nähren!

Erst, wenn wir diese aus Abwehr entstandenen Emotionen tiefer zulassen, können sie sich verwandeln und das Beste, das unser Menschsein ausmacht, kann sich offenbaren. Ohnmacht kann sich in ein tiefes Einverständnis mit unserer Kleinheit verwandeln, mitten im Schmerz kann sich ein tiefes Mitgefühl öffnen und in der Wut kann sich das zeigen, was uns zuinnerst kostbar ist. Dann sind wir nicht mehr ohnmächtig, voller Schmerz oder in der Verhärtung einer Wut gefangen, sondern im Einklang, mit offenem Herzen da und klar. Dies ist auch der Moment, um zu handeln und wirkmächtig zu werden. Hier sind wir im Frieden und können mit unseren Handlungen den Frieden in der Welt nähren.

Bedingungslose Annahme meint damit einerseits die Ebene des Bewusstseins, in der alles, was geschieht, auf einer existentiellen Ebene angenommen ist, weil es ist. Es ist aber auch ein Prozess, der den Unfrieden in uns verwandeln kann, bis wir wieder innerlich im Einklang sind und von dort aus eine Antwort des Friedens geben können. Und ja, natürlich geht es dann auch ums Handeln!

„Der unerwachte Geist pflegt Krieg zu führen gegen die Dinge, wie sie sind. Um einem Weg mit Herz zu folgen, müssen wir lernen, diese Haltung des Krieg-Führens im Inneren und Äußeren zu verstehen – wie wir sie aufbauen und wie wir sie beenden können.“
Jack Kornfield

 

ÜBUNG: Betroffenheit

  • Lass eine Situation auftauchen, die dich betroffen zurücklässt und mach sie dir nochmal bewusst.
  • Was genau macht dich an dieser Situation so betroffen? (Oft ist es bestimmter Aspekt, der für dich an dieser Situation wichtig ist.)
  • Welche Gefühle löst das aus?
  • Erlaub dir diese Gefühle und lass sie zu!
  • Welchen Hintergrund gibt es zu diesen Gefühlen? Warum liegt dir diese Sache so am Herzen? Wie ist deine innere Beziehung dazu?
  • Was genau liegt dir hier besonders am Herzen? Was ist dir hier kostbar?
  • Tauche in die Qualität, die dir kostbar ist, ein. Du weißt zuinnerst, wie sich das anfühlt, wenn diese Qualität da ist. Spüre, wie sich diese Qualität in deiner Ganzheit ausbreitet … Verweile hier und verkoste den Moment.
  • Wie schaust du jetzt auf die auslösende äußere Situation?
  • Wenn du mit dieser Qualität in dir verbunden bist, welche Antwort oder Handlung ist dann stimmig. (Vergiss nicht: Auch eine mitfühlende Zeugenschaft ist eine Antwort.)