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Achtsames Leben – Selbstfürsorge: klingt doch gut, oder?
von Richard Stiegler
In den letzten Jahren ist in spirituellen Kreisen ein neues Modewort entstanden, nämlich „Selbstfürsorge“. Auch der Begriff „Selbstmitgefühl“ taucht immer häufiger auf. Das ist durchaus bemerkenswert, denn im Zentrum eines spirituellen Weges steht eben nicht das Ich, sondern die Selbstlosigkeit und die Überwindung von Ego-Mechanismen.
Was verbirgt sich also hinter dem Begriff der „Selbstfürsorge“? Wann ist es sinnvoll, die eigenen Bedürfnisse mehr in den Blick zu nehmen und wo sind dabei die Fallstricke?
Das Wesen von Achtsamkeit
Betrachten wir zunächst das Wesen von Achtsamkeit. Sie ist weder für noch gegen etwas gerichtet. Vielmehr ist sie bedingungslos offen und umfasst alles, was existiert. Ob etwas in der äußeren Welt erscheint oder Teil unserer Innenwelt ist, in der Offenheit des Gewahrseins kann alles gleichermaßen in Erscheinung treten – auftauchen und wieder vergehen. Was immer geschieht, wir können uns dessen bewusstwerden.
Diese Form der Bewusstheit, die man Achtsamkeit nennt, beinhaltet jedoch noch andere Aspekte, denn es geht nicht um ein nüchternes Bezeugen im Sinne einer kühlen Feststellung, dass etwas existiert, sondern um eine annehmende, liebevolle Bezugnahme. Die Begriffe „Fürsorge“ oder auch „mitfühlendes Gewahrsein“ sind hier sehr zutreffend. Die natürliche Folge einer solchen Haltung ist eine große Sorgfalt, die wir allen Dingen gleichermaßen zuteilwerden lassen.
Wann Selbstfürsorge heilsam ist
Diese Art von Fürsorge, die sich ganz natürlich aus einer Haltung von Achtsamkeit ergibt, betrifft selbstverständlich auch uns selbst. Alle Aspekte unseres Menschseins, unsere Bedürfnisse, unsere Begrenztheit, unsere Nöte, unsere Muster und unsere Potentiale sind in diese mitfühlende Fürsorge eingebettet.
Dass diese liebevolle Zuwendung sich selbst gegenüber nicht selbstverständlich ist, hat damit zu tun, dass es grundlegende Egomuster geben kann, die dieser natürlichen Haltung zuwiderlaufen. Manche Menschen übergehen oder verleugnen ihre Bedürfnisse oder Schwächen, da sie in ihrer Kindheit darin nicht positiv beantwortet wurden. Oder sie sind mit einem Selbstbild von Wertlosigkeit identifiziert, das ihnen nicht ermöglicht, sich genauso wertzuschätzen wie andere Menschen in ihrem Umfeld. In diesen Fällen kann es heilsam und befreiend sein, eine Haltung von Selbstfürsorge zu pflegen, um diesen Egomustern ihre Macht zu nehmen.
Etwas beantworten heißt nicht, es zu erfüllen
Doch was bedeutet eigentlich Selbstfürsorge? Das ist nämlich gar nicht so eindeutig, wie es im ersten Moment erscheinen mag. Stellen wir uns ein kleines Kind vor, das auf die liebende Fürsorge seiner Eltern angewiesen ist. Aufmerksame und liebende Eltern werden die Bedürfnisse, die Nöte und Interessen des Kindes aufnehmen und mit Zuwendung, mit Präsenz, Mitfreude und Mitgefühl beantworten. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie alle Bedürfnisse des Kindes erfüllen oder allen Impulsen nachgeben werden. Genauso können sie auch die Nöte des Kindes nicht abstellen. Und schließlich werden die Eltern bei einem Streit mit dem Geschwisterchen versuchen, nicht eines der Kinder zu bevorzugen, sondern beiden Kindern gleich viel Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken. Anders formuliert: Etwas wahrnehmen und beantworten heißt nicht automatisch, es zu erfüllen. Ist uns diese Unterscheidung bewusst?
Diese Differenzierung ist nicht nur in der Kindererziehung wichtig, sondern entspricht der Haltung einer wachen, liebevollen Aufmerksamkeit für uns selbst. Es geht dabei um eine annehmende, liebevolle Bezugnahme, aber nicht primär darum, Bedürfnisse zu erfüllen oder allen Impulsen nachzugehen. Im Gegenteil: Können wir unserem Mangel und unserer Bedürftigkeit Raum geben und uns liebevoll wie ein kleines Kind darin halten? Können wir uns eine Frustration oder eine Schwäche zugestehen und damit mitfühlend sein? Können wir unserer Verletzung Raum geben und uns gleichzeitig für die Person öffnen, die uns verletzt hat? Also uns uns selbst und der anderen Person gleichermaßen zuwenden? Können wir uns ernst nehmen, aber gleichzeitig auch nicht für so wichtig halten, dass wir uns zurücknehmen oder über uns lachen können?
Wir sind nicht mehr, aber auch nicht weniger wert
Selbstfürsorge ist keine Einbahnstraße. Sie sollte niemals dazu dienen, uns und unsere Interessen und Bedürfnisse über die der anderen zu stellen. Genauso wenig sollte sie zur Rechtfertigung von Bequemlichkeit oder von eigener Bedürfniserfüllung herangezogen werden. Das wären missbräuchliche Verwendungen, die nur das Ego stärken, indem wir uns wichtiger nehmen als andere und uns und unsere Bedürfnisse zum Mittelpunkt der Welt erklären.
Wo sich aber Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl in eine umfassende Haltung von anteilnehmender Aufmerksamkeit und achtsamer Fürsorge eingliedern, können sie uns daran erinnern, dass unser Menschsein und unsere Bedürfnisse auch nicht weniger wert sind als das Leben und die Bedürfnisse aller anderen Wesen. Ganz im Sinne des christlichen Leitsatzes:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Jesus
Diese Gleichstellung von Innen- und Außenwelt entsteht, wenn nicht das Ich, sondern ein offenes und liebendes Gewahrsein im Zentrum steht, in dem alles gleichermaßen Raum findet und Zuwendung erfährt – das sogenannte Eigene und das Andere.
ÜBUNG: Selbstfürsorge bei Bedürfnissen
- Lass ein grundlegendes Bedürfnis von dir auftauchen: Was fehlt dir oder wonach sehnst du dich? Was immer auftaucht, gestatte es dir, auch wenn es noch so unvernünftig, unmöglich oder profan ist.
- Wie zeigt sich dieser Mangel in deinem Leben und wie erfährst du ihn?
- Was würde geschehen, wenn dich dieses Bedürfnis besetzen würde und es immer dringlicher wird, dieses Bedürfnis zu erfüllen?
- Lass diese Dringlichkeit jetzt ganzkörperlich werden und erforsche, was dann innerlich dabei entsteht: Was geschieht im Körper dabei, was in der Seele? Wie verändert sich deine Wahrnehmung? Wie verhältst du dich dann im Kontakt?
- Dann entspanne dich bewusst. Strecke dich und atme tief durch.
- Spüre den Freiraum, der sich in jedem Atemzug öffnet und tauche in diesen Freiraum ein. Eine Offenheit, die mit nichts verklebt ist. Eine Offenheit, in der alles Raum hat. Was breitet sich hier gerade im Erleben aus? Tauche tiefer darin ein …
- Dann wende dich von hier aus wieder deinem Bedürfnis zu und spüre, wie es sich anfühlt, wenn dieses Bedürfnis in dieser Offenheit da sein kann und darin liebevoll gehalten ist.
- Lass dazu ein fantasievolles Bild auftauchen und spüre, was sich dabei innerlich ausbreitet. Wie kannst du dich in dieser Freiheit um das Bedürfnis kümmern? Und wie ist dabei deine Offenheit und dein Kontakt zu anderen?