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Achtsames Leben – Leben: eine To-Do-Liste?

von Richard Stiegler

Wie sehr ist doch unser alltägliches Leben von Pflichten und Erledigungen bestimmt? Ob im Beruf, im Haushalt oder in der Familie – immer gibt es etwas zu tun und die sogenannten To-Do-Listen nehmen kein Ende. Bei dieser Fokussierung auf eine Welt des Tuns tritt leicht in Vergessenheit, dass das Wesentliche, das Leben ausmacht, nicht gemacht wird, sondern uns beständig zufließt. Leben wird uns geschenkt – bedingungslos.

Müssen wir etwas dafür tun, lebendig zu sein? Können wir unser Herz oder das unserer Liebsten schlagen lassen?

 

Dem Lebendigen lauschen

Wenn wir nur einen Augenblick mit allem Tun innehalten und dem Lebendigen in uns lauschen, spüren wir, wie das Leben uns atmet, in unserem Körper strömt und sich in unserer Seele durch Gefühle und Gedanken offenbart. Das ist keine Philosophie und keine religiöse Vorstellung. Wir können es unmittelbar spüren, sobald wir innehalten und für einen Augenblick achtsam dem Lebendigen in uns lauschen. Doch wir sind meist so mit dem Erledigen und Tun beschäftigt, dass wir in eine Art Hypnose geraten, bei der wir immer mehr den Eindruck bekommen, dass das Wesentliche des Lebens unsere Handlungen sind.

Doch könnten wir handeln, wenn wir nicht lebendig wären? Könnten wir fühlen, denken und uns beziehen, wenn uns nicht beständig das Leben geschenkt würde? Oder noch deutlicher formuliert: Können wir tun, wenn wir nicht sind?

 

Das Primäre und das Sekundäre

Das Primäre ist das Lebendigsein selbst. Alles Tun baut darauf auf und ist sekundär. Ist uns das bewusst? Wenn wir das klar sehen, rückt sich manches zurecht. Der primäre Wert eines Menschen bemisst sich dann eben nicht daran, was er oder sie tut oder wie er oder sie nach außen hin erscheint. Vielmehr zeigt der wahre Wert eines Menschen sich in seinem Sein – dass er oder sie auf der Welt und lebendig ist. Dieser wahre Wert wird auch Würde genannt. Gemeint ist der seinshafte Wert, der einem Menschen immanent ist.

Wie schauen wir auf Menschen, wenn wir die Würde eines jeden Wesens erkennen und anerkennen, unabhängig davon, was es im Leben darstellt oder wie es sich verhält? Und wie gehen wir dann mit jedem Geschöpf um?

 

Sein ist ohne Bedingungen

Wenn wir jetzt noch genauer das Primäre des Lebens – das SEIN, das die Grundlage allen Lebens ist – betrachten, fällt auf, dass es vollkommen bedingungslos zur Verfügung gestellt wird. Unser Herz schlägt und unser Atem fließt, ob wir gerade arbeiten oder entspannen, ob wir wütend sind oder friedlich, ob wir uns gerade verbunden fühlen oder gleichgültig und abgestumpft. Offensichtlich kennt das Sein selbst keine Bedingungen, sondern liefert eine vollkommen unbedingte Basis für alles, was auf der Oberfläche unseres Lebens und Handelns stattfindet.

Ist das nicht bemerkenswert? Auf einer primären Ebene macht die grundlegende Existenz also keinen Unterschied, wie wir sind und wie wir handeln. Das Sein selbst ist nicht moralisch und hat keine Vorlieben. Oder anders gesagt: auf dieser Ebene sind wir alle bedingungslos geliebt und unterstützt – in jedem Augenblick!

 

Eine bedingungslose Liebe

Nun kennen die meisten Menschen leider nur eine bedingte Liebe. Wir alle sind in Beziehungssystemen – in Familien, Schulklassen, gesellschaftlichen und religiösen Systemen – aufgewachsen und haben immer vermittelt bekommen, wann wir in dem jeweiligen Beziehungskontext liebenswert sind und wann nicht. So hat sich tief in unserer Seele das Gefühl eingeprägt, dass wir nur liebenswert sind, wenn wir uns dafür anstrengen, bestimmte oberflächliche Standards einzuhalten. Ist das nicht die Basis für alle unbewussten Verdrehungen unseres Wesens und alle subtilen Muster und Anstrengungen unseres Egos?

Unser Menschsein und all unser Tun sind bedingt. Doch dicht unter der Oberfläche wirkt etwas Unbedingtes, das immer da ist und uns erst ermöglicht, als Mensch in unserer Individualität zu leben und zu handeln – das Sein selbst. Wie anders wäre doch unser Grundgefühl, wenn wir im Zentrum unseres Menschseins immer diese Bedingungslosigkeit spüren könnten und fühlen würden, dass wir zuinnerst bedingungslos geliebt sind?

 

Das große Geheimnis

Gott war trunken von Wein letzte Nacht,
so trunken von Wein,
dass ihm ein großes Geheimnis entschlüpfte.

Er sagte: „Es gibt keinen Menschen auf Erden,
der meiner Vergebung bedarf –
denn in Wirklichkeit
gibt es so etwas
wie Sünde überhaupt nicht!“
Hafiz

 

ÜBUNG: Der bedingungslose Augenblick

  • Entspann dich in diesen Augenblick hinein und lausche…
  • Spüre, wie es in dir atmet und sage dir innerlich: „Dieses Atmen ist.“
    Dann spüre die lebendigen Empfindungen in Armen und Beinen und sage dir „Diese Empfindung sind.“
    Lausche den Gefühlen und Gedanken, wie sie entstehen, und sage dir: Diese Gefühle und Gedanken sind.“
  • Mache mit dieser Praxis ein paar Minuten weiter und sage zu allem, was in Erscheinung tritt: „Es ist.“
  • Dann lass die Worte „Es ist“ tief in deiner Seele klingen und spüre, was sich dabei innerlich ausbreitet. Gib dich ganz in das hinein, das sich ausbreitet …
  • Lass dazu einen ganzkörperlichen Gestaltausdruck auftauchen und nimm ihn ein. Gib dich ganz in diese Gebärde hinein und lass dazu Worte auftauchen.
  • Welche seelische Qualität offenbart sich hier? Lass dazu ein fantasievolles Bild entstehen.
  • Dann tauche in diese Qualität ein, so dass sie in deiner Ganzheit spürbar wird. Lass dir Zeit, diese Qualität zu spüren und zu verkosten …
  • Dann frage dich: Wie lebe ich auf der Oberfläche meines Menschseins, wenn diese Qualität im Zentrum meines Erlebens steht?