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Achtsames Leben – Glaube und Götter
von Richard Stiegler
„Was glauben Sie eigentlich?“ Dieser Spruch findet sich auf einem T-Shirt meiner Frau, das sie manchmal in der Schule als Religionslehrerin trägt. Natürlich ist der Glaube höchst individuell, sogar innerhalb einer Religionsgemeinschaft. Gibt es den einen Christenmenschen? Oder nur sehr viele Menschen, die sich zum Christentum bekennen und doch sehr individuelle Vorstellungen ihres Glaubens haben?
Menschen haben schon immer an sehr unterschiedliche Dinge geglaubt. In Naturreligionen standen Naturelemente und Naturgeister im Zentrum, im Schamanismus glaubt man an Krafttiere, im Polytheismus des antiken Griechenlands gab einen ganzen Olymp voller Gottheiten und in den Abrahamitischen Religionen, die sich vor allem im westlichen Kulturkreis durchgesetzt haben, finden wir den Glauben an den „einen Gott“. Doch so ganz stimmt das mit dem „einen Gott“ auch wieder nicht, denn, wenn wir zum Beispiel das Christentum betrachten, dann finden sich dort viele Heiligenfiguren, die wie im Polytheismus angebetet werden. Die Vielgötterei lebt also heimlich in neuem Gewand weiter. Selbst im Buddhismus, der eigentlich keinen Gott kennt, gibt es Boddhisattvas, die wie Götter verehrt und angebetet werden. Brauchen wir Menschen etwas, das wir anbeten können?
Wie uns der Glaube Halt gibt
Es scheint, dass der Glaube – woran auch immer – für uns Menschen eine wichtige Bedeutung hat. So gibt uns ein starker Glaube an eine Gottheit oder eine Heiligenfigur Halt und vermittelt uns damit das Gefühl von Sicherheit. So wie ein kleines Kind sich in der Obhut der Eltern weiß und dadurch ein grundlegendes Vertrauen ins Leben entwickelt, so vermitteln uns auch Glaubenssyteme das Gefühl von Einbettung und stärken unser Vertrauen ins Leben. Das kann uns besonders dort, wo wir mit Ohnmacht konfrontiert sind, einen tragenden Grund vermitteln.
Das geschieht allerdings nicht nur im religiösen Glauben an eine Gottheit, sondern generell in Glaubenssystemen. So kann uns eine politische Richtung ebenso Halt geben, wie ein religiöses Gebäude. In unserer Psyche gibt es eine Menge an Glaubenssätzen, die einen wesentlichen Teil unserer Identität ausmachen und uns Halt und Orientierung geben. Die Fähigkeit, an etwas zu glauben, ist also ein universeller Aspekt unserer Psyche, der uns besondere Kräfte verleihen kann. Denken wir an den Spruch: „Der Glaube kann Berge versetzen.“ Naja, vielleicht nicht gerade Berge, aber sicher ist, dass wir durch einen starken Glauben uns auf eine besondere – vielleicht furchtlose – Weise für unsere Überzeugungen einsetzen können.
Aber sind unsere Überzeugungen, die uns oft so wertvoll sind und die wir manchmal heftig verteidigen, deswegen wahr? Wenn ein kleines Kind an seine Eltern wie an unfehlbare Götter glaubt, sind diese deswegen unfehlbar? Ein anderes Beispiel sind unsere Selbstbilder, die zentral für unsere Identität sind. Müssen wir uns nicht eingestehen, dass wir manchmal auch ganz anders sind? Oder wenn Menschen früher in Naturreligionen die Sonne und manche faszinierende, ungewöhnliche Felsformationen als heilig erklärten und anbeteten, würden wir das heute auch noch tun? In jedem Glauben steckt also ein Körnchen oder auch eine gehörige Portion Mythos.
Die Schattenseite von Mythen
Glaubenssysteme, ob sie religiös oder weltlich sind, sind immer auch Mythen. Sie schaffen für das Unfassbare eine Erklärung und vermitteln uns Kraft und Halt. Es kann aber auch geschehen, dass wir sehr schmerzhaft erkennen müssen, dass es eben nur ein Glaube war, der uns nicht vor dem Existentiellen bewahren kann. So kann ein Kind entdecken, dass seine Eltern alles andere als allmächtig sind und keinen absoluten Schutz bieten können. Oder wir müssen beschämt feststellen, dass unsere Selbstbilder nur ein sehr verzerrtes Bild von uns selbst abgeben. Oder wie oft haben wir schon erlebt, dass ein inniges Gebet nicht erhört wurde?
Dabei darf man nicht vergessen, dass Glaubenssysteme uns nicht nur Halt vermitteln können, sondern sich genauso im negativen Sinne auf unliebsame Aspekte, die wir in uns haben oder bei anderen sehen, richten können. Das, was nicht ins eigene Selbstbild oder Wertesystem passt und uns entsprechend bedroht, wird dann dämonisiert. So gibt es nicht wenige Menschen, die an Teufel, Dämonen oder böse Energien glauben und letztlich darunter leiden. As Psychotherapeut habe ich bereits Menschen begleitet, die in ihrer Jugend eine sogenannte Teufelsaustreibung über sich ergehen lassen mussten und dadurch tief traumatisiert wurden. Oder denken wir an die vielen fundamentalistischen Strömungen auf dieser Welt, deren Auswirkungen von menschenverachtenden Sichtweisen bis zu schrecklichen Terrorakten reichen. Immer steht hier im Zentrum der Glaube an das Böse, Dämonische, das ausgemerzt werden soll.
Gibt es einen Teufel?
Wenn wir die Dynamik hinter den Teufelsmythen betrachten, dann erkennen wir deutlich, was sich unter dieser Vorstellung verbirgt, nämlich das Gefühl der Angst oder der Bedrohung, das wir auf einen Menschen oder eine Sache projizieren. Was für eine Befreiung, wenn wir entdecken, dass die eigentliche Bedrohung in unserer Seele lebt und wir mit diesen Ängsten arbeiten können. Wir müssen dann nichts und niemanden mehr dämonisieren.
Genauso verhält es sich natürlich mit sogenannten Lichtgestalten, wie zum Beispiel Engeln. Mit der Vorstellung eines Engels verbinden wir potentielle hilfreiche Kräfte in der eigenen Seele, die wir auf das archetypische Bildnis eines Engels projizieren. In jedem Engel, der uns erscheint, verbirgt sich also bei tieferer Erkundung eine eigene seelische Ressource, die uns innerlich erfüllen kann. Ist es nicht viel hilfreicher, diese Ressource tief in sich zu spüren als auf Engel zu setzen?
Kein Gott zum Anbeten
Und wie steht es mit den Gottheiten? Oder dem „einen Gott“? Auch hier gilt der gleiche Grundsatz, der sogar in der Bibel steht: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen.“ Warum das? Weil wir Gott niemals in Bildern erfassen können. Jedes Bild ist nur eine Projektion einer inneren Realität und damit höchst subjektiv. Bilder und Vorstellungen, die wir uns machen, verstellen uns damit den unmittelbaren Zugang zu einer Dimension, die in allem, was lebt, in der Tiefe präsent ist. Solange wir also einen (wie auch immer gearteten) Gott vor uns hinstellen und anbeten, beten wir ein goldenes Kalb an.
Alles, was wir vor uns hinstellen, kann niemals Gott sein und seine Präsenz repräsentieren, denn Gott ist kein Wesen und kein Ding. Anders gesagt: Das, was man Gott nennt, ist kein Objekt, sondern das Subjekt selbst, das in allen Erscheinungen lebt – pures Sein. Können wir uns pures Sein vorstellen oder sehen oder anfassen? Niemals. Es ist eben kein Objekt. All unsere Sinne greifen hier ins Leere. Aber wenn wir uns in diese Leerheit vertrauensvoll fallen lassen, öffnet sich eine Dimension in unserer Seele, die sich zeit- und grenzenlos entfaltet. Doch wie sehr wir uns auch bemühen mögen, immer noch finden wir keinen Gott, an den wir glauben oder anbeten können. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.
„Wenn der Mond sich zwischen Sonne und Erde schiebt, gibt es eine Sonnenfinsternis und es wird auf der Erde dunkel. Das Göttliche ist mit der Sonne zu vergleichen. Es strahlt die Religionen an, damit sie uns Menschen leuchten und im Dunkel unseres Suchens begleiten. Wenn die Religionen sich aber zu wichtig nehmen und sich zwischen Gott und Mensch schieben, verdunkeln sie den göttlichen Urgrund und schaffen damit eine Gottesfinsternis.“
Willigis Jäger
ÜBUNG: Mein persönlicher Glaube
- Beginne mit einer Reflexion über die Frage: „Woran glaube ich?“ Stelle dir diese Frage mehrere Minuten lang immer wieder neu und lass verschiedene Antworten dazu auftauchen. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Glauben im eigentlichen Sinne religiös ist oder nicht.
- Nimm jetzt einen für dich bedeutsamen Glauben und verdichte ihn zu einem Glaubenssatz. Sprich diesen Satz mehrmals in dich hinein und erkunde dabei, welch inneres Erleben dieser Glaube erzeugt: Welche Bilder entstehen dazu? Welche Gebärde drückt diesen Glauben aus? Welche Gefühle tauchen hier auf?
- Was ist die wesentliche Gefühlsqualität, die in diesem Glauben für dich spürbar wird. Tauche ganz darin ein und spüre sie in deiner Ganzheit.
- Frage dich am Schluss: Welche Erlebnisse haben dazu geführt, dass sich dieser Glaube gebildet hat? Was daran ist wahr und was ist nur ein Mythos und könnte auch ganz anders sein?