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Achtsames Leben – So Gott will

von Richard Stiegler

Was für eine Zeit! Jede Woche Änderungen, die unser aller Leben betreffen. Natürlich ist uns bewusst, dass das Leben im Grunde unplanbar ist und wir niemals wissen, welche unvorhergesehene Lebenswendung oder welcher Schicksalsschlag als nächstes um die Ecke kommt. Doch so hautnah wie zurzeit spüren wir die Unberechenbarkeit des Lebens in unseren Breiten wohl selten, denn durch die Pandemie steht auch hinter jedem alltäglichen Ereignis ein großes Fragezeichen. Menschen, deren Lebensunterhalt von verlässlichen Planungen abhängt, sind derzeit im Dauerorganisationsstress, da sie nie wissen, ob in ein paar Tagen nicht schon wieder alles ganz anders sein wird. Und wer sich schon an Urlaubsplanungen wagt, ist entweder naiv oder sehr mutig, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Eigentlich kann man nur bei jedem Ereignis, das man derzeit plant, den alten Ausspruch hinzufügen: „So Gott will.“


Unberechenbarkeit als Gesetzmäßigkeit

Wenn wir schon gerade mit der Nase auf die Unberechenbarkeit des Lebens gestoßen werden, dann sollten wir uns vielleicht tiefer damit befassen. Schließlich ist sie kein Betriebsunfall, sondern eine Gesetzmäßigkeit, der wir auf allen Ebenen unseres Menschseins begegnen. Wie oft erleben wir kleine und große Enttäuschungen, die uns frustrieren und manchmal sogar am Leben (ver-)zweifeln lassen? Und ereignen sich nicht genauso überraschende Ereignisse und Begegnungen, die uns aufrütteln, freuen und inspirieren? In all diesen Momenten nimmt das Leben eine Wende, die unsere Vorstellungen übersteigt.

Doch nicht nur äußerlich haben wir das Leben nicht im Griff, auch unsere Innenwelt führt offensichtlich ein Eigenleben. Das wird umso deutlicher, je achtsamer und gegenwärtiger wir sind. Haben wir den nächsten Gedanken, das nächste aufkeimende Gefühl oder die nächste schmerzhafte Stelle im Körper geplant? Sogar „eine kurze Bewusstheit kommt als eine unerwartete Besucherin“, wie Rumi es in einem seiner Gedichte ausdrückt. Was also haben wir jemals im Griff?

Wir können zwar Pläne schmieden…

Und doch gehen wir wie selbstverständlich im Alltag davon aus, dass das Leben plan- und dadurch kontrollierbar ist. Das hat durchaus seine Berechtigung, denn nur so lässt sich das alltägliche Leben organisieren, strukturieren und letztlich handhaben. Ohne differenzierte Planungen würde kein Supermarkt funktionieren, kein Konzert stattfinden und keine Reise jemals zustande kommen. Die Fähigkeit, in die Zukunft zu denken und Pläne zu entwickeln ist also eine wichtige menschliche Eigenschaft, ohne die ganz vieles im Alltag nicht möglich wäre.

Allerdings heißt das nicht, dass wir das Leben dadurch im Griff haben. Auch wenn uns unser Verstand und unsere wunderbaren Ideen meistens das Gefühl von Kontrolle vorgaukeln, müssen wir doch immer wieder konsterniert feststellen, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil. Sobald wir genauer hinschauen, entpuppt sich das Gefühl von Machbarkeit als schöne Illusion, die uns förmlich zwischen den Fingern zerrinnt. Tatsächlich können wir mit unseren Gedanken zwar der Zeit vorausgreifen, Vorhersagen treffen und Pläne schmieden, ob sie sich aber jemals verwirklichen lassen, steht nicht in unserer Macht.

 

Woran wir leiden

Was folgt daraus, wenn es einerseits die Notwendigkeit zum Planen gibt, aber andererseits keine Garantie auf Erfüllung dieser Pläne? Ist das nicht ein eklatanter Widerspruch, der automatisch dazu führen muss, dass wir immer wieder am Zerplatzen unserer Vorstellungen leiden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst betrachten, woran wir eigentlich leiden, denn die Ursache unseres Leidens geht meist viel tiefer als uns bewusst ist.

Stellen wir uns vor, wie spielen „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und freuen und ärgern uns mit jedem Spielzug. Was erzeugt wirklich unsere Emotion? Dass unsere Figur gerade gut vorankommt oder dass sie vom Spielfeld geschlagen wird? Oder liegt es daran, dass wir uns mit dieser Figur identifizieren? Das ist eine erstaunliche Entdeckung: Ohne Identifikation keine Emotion und kein Leiden! Wenn wir in einem Spiel nicht mit einer Mannschaft oder der Vorstellung identifiziert sind, dass wir gewinnen müssen, dann können wir uns an allen Spielzügen erfreuen und mit allen Spieler*innen mitfühlen. Es gibt ein Beteiligt-Sein, aber kein Leiden.

 

Nichts ist schwer, sind wir nur leicht

Wir leiden also nicht an unseren Ideen, Vorstellungen und Plänen fürs Leben. Nein, diese sind sogar notwendig und oftmals auch kreativ. Wir leiden auch nicht daran, dass sich das Leben immer wieder in eine andere Richtung entwickelt, als unsere Pläne vorgeben. Im Gegenteil, unser Leben wäre ohne die schöpferische Dynamik des Lebens wie ein Computerspiel – berechenbar und ohne jede echte Entwicklung. Wir leiden einzig und allein am Festhalten an unseren Ideen. Nur wenn wir uns mit unseren Gedanken identifizieren, können wir nicht mehr mit den Wendungen des Lebens mitfließen.

Wir verhalten uns dann wie ein Kajakfahrer, der nicht bereit ist, dem Fluss in seinen Windungen zu folgen, sondern an einer vorgestellten Route festhalten will. Doch der Lauf eines natürlichen Flusses ändert sich von Jahr zu Jahr, von Niedrig- zu Hochwasser. Wo letztes Jahr der Hauptstrom war, ist ein Jahr später eine Kiesbank erschienen oder ein querliegender Baumstamm versperrt den Weg. Wer sich in einem lebendigen, schöpferischen Element an seine Vorstellungen klammert und sperrig verhält, ist verloren. Wer sich an nichts anklammert, ist frei, mitzufließen. Oder wie Mechthild von Magdeburg sagt: „Nichts ist schwer, sind wir nur leicht.“

 

ÜBUNG: Identifikation und innere Befreiung

  1. Was lässt dich derzeit leiden? Und welche Gefühle löst es in dir aus?
 Erlaub dir diese Gefühle! Gib ihnen Raum…
  2. Dann frage dich: Welche Vorstellung (welcher Plan oder Anspruch oder welche Erwartung) verbirgt sich darin?
  3. Schlüpf jetzt in diese Vorstellung (Plan/Anspruch/Erwartung) hinein und fühle, wie es sich anfühlt, wenn du ganz in dieser Perspektive gefangen bist. 
Wie reagiert dein Körper darauf? Lass eine Gebärde entstehen, die das ausdrückt. Erkunde, in welche innere Welt du hier kommst und wie du das Leben von hier aus empfindest…
  4. Dann trete innerlich zurück und überlass diese Vorstellung (Plan/Erwartung/Anspruch) sich selbst. Spür dabei, was sich innerlich ausbreitet:
 Was verändert sich im Körper? Welche Gefühle tauchen auf? Lass auch hier eine Gebärde entstehen und tauche tiefer in das Erleben hinein…
  5. Was ist die wichtigste Qualität, die du hier fühlst? Las sie in deiner Ganzheit ausbreiten…
  6. Wie schaust du von hier aus auf das, was dich leiden lässt?
 Wie kannst du dich von hier aus auf die Wendungen des Lebens beziehen?