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Achtsames Leben – Eine Zeit der Stille

von Richard Stiegler

Wenn die Lichter des Weihnachtsfestes gelöscht und die letzten Böllerschüsse verklungen sind, dann beginnt die dunkelste und kälteste Zeit des Jahres – die Raunächte. Eine Einladung, sich nach den großen Feiertagen zu besinnen und das neue Jahr mit einer Zeit der Stille zu beginnen, bevor es wieder Fahrt aufnimmt.

Winter ist die natürliche Zeit der Besinnung. Eine Zeit der Leere, in der die Natur ihre Kräfte sammelt und sich tief ins Erdreich zurückzieht. Alle Aktivität kommt zur Ruhe. Wenn dann noch Schnee fällt und die Welt unter einer sanften Schneedecke verschwindet, wird es wahrlich still. Könnte es sein, dass die Stille nicht nur für die Natur, sondern auch für das menschliche Leben eine zentrale Bedeutung hat?

 

Die Bedeutung der Leere

In unserer lauten und extrovertierten Welt, in der alles dazu verführt, sich nach außen zu wenden und ein Event nach dem nächsten zu besuchen, geraten die leisen Räume der Stille oft in Vergessenheit. Doch wo tanken wir auf? Wann erholen wir uns und verdauen die vielen Eindrücke des Tages? Wie sollen wir zu uns finden, wenn wir von äußeren Ereignissen und medialen Reizen überflutet werden?

Wer der Stille und der Besinnung keinen Wert beimisst und ihr keine Zeit im Leben einräumt, läuft Gefahr, auszubrennen. Und – was vielleicht noch schwerer wiegt – an sich selbst vorbeizuleben. Denn der Raum der Stille ist nicht nur eine Erholung für Körper, Geist und Seele, er ist auch der Ort, wo wir nach innen lauschen und nachspüren können, was unserer Seelenwahrheit entspricht. Nur wer die Verbindung nach innen pflegt, kann auch ein innenzentriertes und selbstbestimmtes Leben führen.

 

Es liegt im Stille-Sein eine ungeheure Macht der Reinigung, der Klärung und der Sammlung auf das Wesentliche.
Dietrich Bonhoeffer

 

Dimensionen der Stille

Wenn wir von Stille sprechen, ist es zunächst wichtig, sich klarzumachen, dass es verschiedene Räume von Stille gibt. Da ist zum einen die äußere Dimension von Stille – Räume, die von allen äußeren Ablenkungen und Reizen, aber auch von allem Beschäftigtsein frei sind. Für viele Menschen ist die Natur ein solcher Seinsraum. Obwohl es auch in der Natur äußere Reize gibt, hat sie dennoch eine zutiefst beruhigende Wirkung auf den Geist. Noch intensiver wirken auf Geist und Seele eine konsequente spirituelle Praxis oder ein Schweigeretreat, in welchem wir bewusst von allem, das unser Leben äußerlich ausmacht, zurücktreten.

Doch äußere Räume der Stille sind nur die Eintrittspforten, um sich tiefer mit Stille zu verbinden. Denn Stille ist eine innere Dimension, die sich erst dort öffnet, wo wir in ein inneres Schweigen eintauchen. Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist, was schweigt, damit sich Stille im Geist einstellt? Tatsächlich gibt es mehrere Schichten, welche im Alltagsbewusstsein wie dicke Staubschichten die Stille des Bewusstseins überlagern.

 

Was die Stille überlagert

Da ist zunächst das Denken. Ohne dass wir den Herrschaftsbereich des Denkens für Augenblicke verlassen und mit unserer Aufmerksamkeit unmittelbarer werden, kann sich keine Stille einstellen. Doch noch subtiler als das Denken ist eine sehr tiefsitzende Überzeugung des Tuns. Wir sind davon überzeugt, dass wir „die Dinge“ durch unser Tun hervorbringen – also, dass wir atmen, hören, denken und so weiter. „Nun, wenn ich die Dinge mache, dann muss ich sie auch kontrollieren und verbessern,“ so denken wir. Also greifen wir ständig in das natürliche Geschehen ein und sind unterschwellig, ohne es zu merken, mit einer inneren Aktivität beschäftigt. Dieser subtile automatische Vorgang im Alltagsbewusstsein ist anstrengend und hält uns gleichzeitig davon ab, uns tiefer zu überlassen. Wenn wir nur für einen Augenblick alles innere und äußere Geschehen sich selbst überlassen und nicht mehr eingreifen, werden wir spüren, wie frei und still und offen unser Geist wird.

Eine letzte Schicht, die noch subtiler ist, bleibt jedoch zunächst weiterhin bestehen. Zuinnerst lebt in uns das Gefühl, dass es in allem Erleben ein Zentrum gibt, mit dem wir uns identifizieren und das im Innersten unsere Welt zusammenzuhalten scheint: Das Ich, das alles, was wir innerlich und äußerlich erfahren, erlebt. Alle Fäden unseres Lebens laufen hier zusammen. Doch ohne es zu merken, erzeugt die geistige Konstruktion eines Ichs ein Grundrauschen und ein Gefühl des Getrenntseins. Erst, wenn wir auch das Ich-Gefühl abstreifen – wie einen Mantel, der uns zwar schützt, aber auch begrenzt –, öffnet sich der Raum des grenzenlosen Bewusstseins – absolut still und offen.

 

Und dann?

Doch welche Relevanz hat die Entdeckung der Stille für unser konkretes Leben als Mensch? Nun, wenn es einen inneren „Ort“ gibt, der von den Stürmen und Herausforderungen des Lebens unberührt bleibt, dann haben wir eine innere Zuflucht zur Verfügung – eine Oase des Friedens – wo wir uns niederlassen und verorten können. Wir können uns dann wie ein Baum, der tief in der Erde mit seinen Wurzeln verankert ist, in der Stille gründen. Wie gelassen werden wir doch, wenn wir zuinnerst in einer Dimension wurzeln, die vollkommen unberührt von den Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens ist?

Doch die Stille ist nicht nur ein Zufluchtsort. Sie ist der Raum, in dem wir von allen Denkmustern, Vorlieben und Vorstellungen frei sind. Daher können wir erst von hier aus spüren, was für unsere Seele von Bedeutung ist und was uns wirklich am Herzen liegt. Doch nicht nur das. Erst wenn wir von allen automatischen Denkmustern befreit sind, kann kreatives und intelligentes Denken entstehen. Daher ist der Raum der Stille die Voraussetzung dafür, echte Antworten für schwierige Situationen und die Fragen zu finden, mit denen wir an der Oberfläche des Lebens konfrontiert sind.

 

Es ist wie mit einem Wasserbecken. Wenn das Wasser ruhig ist, reflektiert es den Mond und die Sterne. Aber wenn es unruhig ist, dann kann es das nicht. Es reflektiert überhaupt nichts.
Robert Adams

 

Solange unser Geist durch unsere Vorlieben und Vorstellungen getrübt ist, kann keine echte Klarheit entstehen. Erst wenn wir offen sind, sind wir fähig und bereit, die Ganzheit einer Situation anzunehmen und darauf stimmig zu antworten.

Ein neues Jahr mit unbekannten Herausforderungen wartet auf uns. Lasst uns die Stille aufsuchen, um innerlich bereit zu sein!

 

ÜBUNG: Antworten aus der Stille

  • Lass eine konkrete Situation deines Lebens auftauchen, die dich zurzeit oder immer wieder beschäftigt und mach dir bewusst, was dich daran beschäftigt.
  • Welche Gefühle hast du dazu? Welche Sehnsucht bewegt dich hier? Und welche Frage taucht dazu auf?
  • Dann strecke und dehne dich. Atme mehrmals tief durch und überlasse die Situation und alle Gefühle und Gedanken dazu sich selbst.
  • Tauche in ein vollkommen offenes und freies Lauschen ein. Lausche auf die Stille, die sich frei und unberührt am Grund deiner Seele öffnet. Lasse dir Zeit, die Stille zu verkosten und darin zu verweilen.
  • Dann spüre, welche Qualität du in der Stille gerade am stärksten spürst: Welche Eigenschaften hat die Stille gerade? Was lebt hier? Was immer hier auftaucht, lass es in deine Ganzheit kommen.
  • Dann schaue von hier aus wieder auf die Situation, die dich an der Oberfläche des Lebens beschäftigt. Wie schaust du von hier aus darauf? Wie empfindest du die Situation jetzt?
  • Lass jetzt aus der Stille heraus eine Antwort auf die Situation oder eine Botschaft auf deine Frage entstehen. Nimm die Antwort oder die Worte tief in dich hinein. Fühle sie in deinem Innenraum.