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Achtsames Leben – Über die Kraft der Wut

von Richard Stiegler

Das große Ziel eines spirituellen Weges ist die Verwirklichung einer inneren Weite und Freiheit, die sich in einer tiefen Gelassenheit ausdrückt. Buddha selbst wurde auch der „Friedfertige“ genannt und scheint den Legenden zufolge geradezu eine unglaubliche Gelassenheit ausgestrahlt zu haben. Doch ist dieses Bild nicht ein wenig übermenschlich? Wie oft erfahren wir doch im Alltag Frustrationen, in denen sich ein Ärger in uns regt? Oder wir stoßen auf Missstände oder Ungerechtigkeiten, welche unsere Empörung geradezu herausfordern, wie wir derzeit vielfach auch in dieser Pandemie beobachten können.

Ist nicht die Wut eine wichtige Kraft – ein Feuer –, das uns die Möglichkeit gibt, auf Umstände machtvoll zu reagieren, uns zu wehren oder uns für Dinge, die uns wichtig sind, einzusetzen? Fühlt es sich nicht auch kraftvoll und intensiv an – eben wie ein prasselndes Feuer -, wenn wir wütend sind und uns über Missstände entrüsten? Wo wären wir heute, wenn Menschen früherer Generationen nicht aufbegehrt hätten und voller Entrüstung auf die Straße gegangen wären? Wenn sie nicht für das Wahlrecht der Frauen, gegen die Willkür von Obrigkeiten oder für soziale Reformen demonstriert und gekämpft hätten?

 

Das wilde Pferd zähmen

Keine Frage, Wut ist ein wichtiges, wenn auch sehr schwieriges Gefühl, das in allen Menschen immer wieder aufkeimt. Diese Feuerenergie kann eine Person so stark besetzen, dass sie regelrecht blind vor Wut um sich schlägt. Wen wundert es da, dass es dabei oft zu Verletzungen und Verstrickungen in Beziehungen kommt, wie wir wahrscheinlich alle bereits schmerzlich erfahren haben.

Doch Wut ist nicht nur destruktiv. Sie ist auch eine Kraft, die uns die Energie zur Verfügung stellt, innere Grenzen – wie Angst, Scham oder Verbote – zu überschreiten. So ermöglicht sie uns, kraftvoll für unsere Bedürfnisse und unsere Grenzen einzutreten. Wenn dieses Feuer in uns brennt, trauen wir uns sichtbar zu werden und mutig voranzuschreiten, wo wir vielleicht sonst ängstlich zurückweichen würden. Es macht also durchaus Sinn, Wut nicht nur als destruktiv abzustempeln, sondern diese Kraft wie ein wildes ungebändigtes Pferd zu sehen, das es zu zähmen gilt, damit wir es reiten können. Nur so können wir lernen, diese mächtige Energie konstruktiv zu nutzen und sie zur Freundin zu machen.

 

Wir dürfen wütend sein

Die Emotion des Feuers kennt viele Ausdrucksformen. Da gibt es die kleinen Geschwister der Wut: den Ärger oder die Gereiztheit. Da gibt es die hitzige Energie der Empörung oder des wilden Aufbegehrens und den dunkelroten mächtigen Zorn, der im wahrsten Sinne des Wortes oft selbstgerecht und blind um sich schlägt. Doch welche Form auch immer diese emotionalen Flammen gerade annehmen, der erste Schritt, um sie zu zähmen, ist, die Emotion in uns zuzulassen. Bevor wir der Wut in uns keinen Raum geben und sie nicht als innere Verbündete anerkennen, können wir nicht lernen, diese Energie zu zähmen und konstruktiv zu nutzen.

Wir dürfen also wütend sein! Wir dürfen Ärger oder auch Empörung fühlen und dabei zunächst ganz unreflektiert allen Wertungen und destruktiven Impulsen, die hier auftauchen, Raum geben! Wenn wir uns nicht erlauben, die Wut auftauchen zu lassen, können wir auch nicht hören, was sie uns eigentlich mitteilen will. Daher ist der erste und zentrale Schritt, um dieses wilde Pferd zu reiten und nicht von seiner Destruktivität „geritten“ zu werden, seine ungestüme Energie zuzulassen.

 

Das Gatter schließen

Freilich bedeutet „die Wut zulassen“ nicht, dieser Wut nach außen hin freien Lauf zu lassen. Das ist ein wichtiger Lernschritt, den es zu verinnerlichen gilt. Wir können dem wilden Pferd in uns Raum geben, seine ungestüme Energie in uns zulassen, ohne dass wir nach anderen ausschlagen. Bildlich gesprochen können wir uns diese Haltung so vorstellen: Wir lassen zunächst das Gatter zu, um das aufgebrachte Pferd in der sicheren Umzäunung – also in uns – toben zu lassen. Und wir lassen es erst aus dem Gehege, um seine Kraft gegen andere zu richten, wenn wir es reiten können und damit seine mächtige Energie auf eine konstruktive Weise einsetzen können.

Nur so können wir sicherstellen, dass wir andere nicht verletzen. Und – was vielleicht noch wichtiger ist – nur wenn wir die Wut innerlich zulassen, haben wir die Möglichkeit, das Eigentliche, das sich in der Emotionalität verbirgt, zu entdecken. Denn die Emotion ist nur die Schaumkrone der Welle, die sich krachend entlädt. Das Wesentliche ist aber nicht die Schaumkrone, sondern die Welle, auf der sich die Schaumkrone bildet. Anders formuliert: Jeder Ärger, jede Wut und jeder Zorn beinhaltet ein wichtiges Anliegen, das durch die Emotion verteidigt wird. Wenn wir tiefer schauen, werden wir einen Aspekt unserer inneren Wahrheit entdecken, der sich bedroht fühlt. Bevor wir das tiefere Anliegen nicht in aller Klarheit sehen können, werden wir von der Emotion bestimmt.

 

Wut als Tor zur inneren Wahrheit

Wenn wir also der ersten Emotion in uns Raum gegeben haben, ist der nächste Schritt, uns dem Eigentlichen in der Wut zuzuwenden. Wofür tritt die Wut ein? Was ist uns in der Tiefe kostbar und fühlt sich nicht beachtet oder bedroht? Was liegt uns hier am Herzen? Und können wir dem, was uns am Herzen liegt, in uns einen guten Platz geben? Das ist nämlich keineswegs selbstverständlich. Wenn zum Beispiel ein Bedürfnis von uns in einer Beziehung nicht ernst genommen wird und wir daraufhin auf das Gegenüber wütend werden, ist es nicht ungewöhnlich, dass dieses Bedürfnis auch in uns selbst für einen würdigen Platz kämpfen muss. Ist es da verwunderlich, wenn dieser innere Anteil wie ein aufgebrachtes Pferd um sich schlägt und um seine Daseinsberechtigung mit allen Mitteln kämpft? Meist kommt die Bedrohung nicht nur vom Gegenüber, sondern ist auch eine innere Dynamik, bei der sich ein innerer Anteil gegen innere Selbstbilder, Urteile oder gegen alte negative Erfahrungen von Angst oder Beschämung behaupten muss.

Wie dem auch sei. Wenn wir wirklich erkennen, wofür die Wut eintritt und was uns in der Tiefe kostbar ist und dieses Anliegen in aller Klarheit und Würde spüren, wird das Pferd ruhig. Es schlägt nicht mehr um sich, sondern steht uns mit seiner Kraft zur Verfügung, damit wir mit unserer Wahrheit sichtbar werden und dafür eintreten können. Dann können wir klar, gesammelt und kraftvoll für uns eintreten. Dann müssen wir auch das Gegenüber in seiner Wahrheit und seinen Bedürfnissen nicht bekämpfen oder verunglimpfen, sondern können das Andere wertschätzen und aufnehmen, während wir das Eigene deutlich machen.

Es ist fast selbstredend, dass eine solch gezähmte Feuerenergie nicht mehr verletzend, sondern zutiefst beziehungsstiftend ist. So kann die Wut zu einem wichtigen Kontrapunkt unserer Gelassenheit werden, die diese auf sehr heilsame Weise ergänzt. Sie kann uns helfen, einen Platz in der Welt einzunehmen und nicht gegen etwas anzukämpfen, sondern für das einzutreten, was uns am Herzen liegt.

 

ÜBUNG: Wut als Tor zur inneren Wahrheit

  • Reflektiere darüber, welche innere Beziehung du zu deiner Wut hast: 
Gibst du ihr Raum? Hältst du sie für eine positive Kraft? Oder hast du Angst vor ihr und ihren Auswirkungen? Unterdrückst du sie? Versteckst du sie? Oder reitet sich dich?
  • Welche Modelle über den Umgang mit Wut hast du in der Ursprungsfamilie bekommen? Welche dieser Modelle hast du übernommen? Ist das hilfreich?
  • Lass etwas auftauchen, das dich wütend macht. Schau dir die Situation nochmal genauer an und erlaub dir, unreflektiert allen Gefühlen und Urteilen dazu freien Lauf zu lassen…
  • Dann geh tiefer ins Spüren und erkunde, wie du die vitale Kraft der Wut im gegenwärtigen Erleben spürst:
    Wie erfährst du sie im Körper? Wo und wie spürst du sie?
    Lass dazu eine Gebärde auftauchen und nimm sie ein…
    Lass dazu einen Klang oder eine Musik auftauchen und ein inneres Bild…
  • Jetzt wende dich dem eigentlichen Anliegen zu, welches die Wut verteidigt. Schau dabei nicht darauf, was dich im Außen ärgert oder bedroht, sondern wende den Blick nach innen:
    Was in dir fühlt sich missachtet oder bedroht?
    Was liegt dir in der Tiefe am Herzen? Was will leben oder gehört werden?
    Auf welche innere Wahrheit weist die Wut hin?
  • Dann frage dich, ob das, was in dir leben will, in dir einen würdigen Platz hat oder ob es eine innere Grenze gibt, welche diesen Anteil nicht leben lässt (z.B. Verbot, Angst, Scham, Selbstbild, innerer Anspruch,…) und reflektiere darüber, was der Hintergrund für diese innere Grenze ist.
  • Lege jetzt die innere Grenze bewusst zur Seite und frage dich: Welche zentrale Erlaubnis braucht dieser Anteil, um einen würdigen Platz in mir zu haben und sich in seinem Wert gesehen zu fühlen?
  • Sprich diese Erlaubnis in dich hinein und erkunde im gegenwärtigen Erleben:
    Was breitet sich jetzt in deinem Körper und in deiner Seele aus?
    Wie kannst du jetzt nach außen auftreten und für dein Anliegen eintreten?
    Wie erfährst du jetzt die vitale Kraft, für dich einzutreten?
    Wie kannst du dich von hier aus dem (zunächst so bedrohlichen) Gegenüber zuwenden und seinem Anliegen zuhören?