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Achtsames Leben – Baustellen, wohin man schaut

von Richard Stiegler

Schon länger wird die öffentliche Diskussion von den Auswirkungen globaler Krisen bestimmt. Die Wirtschaft wird ausgebremst, die Energiekosten steigen und die Inflation zieht an. Die Bahn wird noch viele Jahre sanierungsbedürftig sein und die sozialen Sicherungssysteme müssen, um dauerhaft bestehen zu können, reformiert werden. Wenn man diesen Diskussionen folgt, gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass wir in einem maroden Land leben und es mit unserem Wohlstand bergab geht. Mangel, wohin man schaut.

Doch stimmt das wirklich? Leben nicht die meisten Menschen hier in diesem Staat in Frieden und relativem Wohlstand, den es in dieser Form wahrscheinlich noch nie gab? Woher kommt dann dieses Gefühl von Mangel und Unzufriedenheit? Und wodurch entsteht eigentlich das Erleben von Fülle?

 

Das Gefühl der Unzufriedenheit

Mangel und Fülle sind keine äußeren Faktoren. Wir können in absolutem Wohlstand leben und innerlich voller Unzufriedenheit und Mangelgefühle sein und umgekehrt gibt es Momente von innerem Reichtum, der unabhängig von äußeren Umständen uns erfüllen und durchfluten kann.

„Zeitalter vergehen und immer gießest Du aus und immer ist Raum, um erfüllt zu werden.“
Rabindranath Tagore

Ja, immer ist Raum, um erfüllt zu werden. Doch dazu braucht es eine tiefe Verbindung nach innen. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Wir alle kennen Zeiten, in denen die Verbindung nach innen abflacht und wir uns unruhig, unzufrieden und entfremdet fühlen. Wenn uns eine solche Unzufriedenheit befällt, können wir uns bereits über Kleinigkeiten aufregen. Und natürlich gibt es diese Kleinigkeiten immer und überall, denn die Umstände sind niemals perfekt und es findet sich immer etwas, das besser sein könnte. Wenn wir uns darauf fokussieren, wird das Mangelgefühl immer stärker.

 

Die Verbindung nach innen

Die eigentliche Schwierigkeit besteht nicht darin, dass die äußeren Umstände falsch oder ungenügend sind, sondern in unserem Blickwinkel. Nicht ein äußerer Mangel macht uns unzufrieden, sondern ein innerer. Der erste und grundlegendste Mangel ist die Entfremdung von uns selbst: Der Mangel, nicht in einer fühlenden Verbindung mit unserer Seele zu sein.

Sobald die Verbindung nach innen wieder hergestellt ist und wir uns innerlich im Frieden fühlen, erscheinen uns auch die äußeren Umstände anders. Wir fühlen uns nicht mehr fremd und alles, das gerade nicht perfekt ist, wird nebensächlicher. Unser Blick weitet sich und wir sehen wieder die vielen Dinge, welche gerade im äußeren Leben gut sind. Daher ist die erste und wichtigste Aufgabe, die Verbindung nach innen herzustellen. Ohne eine innere Verbindung gibt es keine empfundene Fülle im Leben, ganz egal welchen äußeren Reichtum wir besitzen.

 

Sich dem Mangel zuwenden

Wenn uns das bewusst ist, dann könnten wir immer, wenn wir eine Unzufriedenheit empfinden oder nur noch eine unperfekte Welt voller Mängel um uns herum sehen, innehalten und den Blick nach innen wenden. Denn nur dort, in unserem Inneren, kann eine Transformation des Mangelgefühls stattfinden. Dazu müssen wir uns dem unangenehmen Gefühl in unserer Seele, das uns befallen hat, zuwenden und es zulassen. Denn wie wollen wir etwas erkunden und eine tiefere Verbindung damit herstellen, wenn wir es nur wegschieben?

Freilich ist dieser Schritt nicht gerade einfach, denn sich über äußere Umstände aufzuregen, ist viel leichter und baut zunächst die innere Spannung etwas ab. Aber erlösen können wir diese Spannung erst, wenn wir uns der eigentlichen Ursache in uns zuwenden.

 

Sehnsucht als Tor nach innen

Die zentrale Frage bei Unzufriedenheit ist nämlich nicht, was gerade im Außen schiefläuft oder was uns im Außen fehlt, sondern welche Art von Mangel uns innerlich besetzt. Oder positiv formuliert: Wonach sehnen wir uns innerlich? Diese Frage allein bringt meistens jedoch noch nicht die Wende, denn die Sehnsucht muss nach innen hin tiefer erforscht werden, bis sich die seelische Qualität, nach der wir uns sehnen, von innen her öffnet und uns erfüllt.

Wir haben nur einen kleinen Einfluss auf die Umstände und die Welt. Aber wir haben einen großen Einfluss darauf, ob wir innerlich angebunden und in Fülle leben oder nicht. Ist das nicht eine gute Botschaft?

„Du kannst deine Lebenssituation verbessern, aber nicht dein Leben. Leben ist primär. Leben ist dein tiefstes inneres Sein. Es ist bereits ganz, vollkommen und makellos.“
Eckhart Tolle

 

ÜBUNG: Sehnsucht als Tor

  • Was macht dich unzufrieden? Gestatte dir diese Gefühle und auch den Schmerz darin!
  • Welche Sehnsucht verbirgt sich darin?
  • Stell dir jetzt vor, dass sich die Sehnsucht optimal erfüllt (auch wenn es unrealistisch zu sein scheint) und erkunde, was sich dann innerlich ausbreitet:
    Was breitet sich dann im Körper aus? Lass eine Gebärde dazu entstehen und gib dich in diese Gebärde hinein. Welche Gefühle öffnen sich hier? Welche fantasievollen Bilder entstehen hier? Lass dir Zeit, tiefer und tiefer in das Erleben einzutauchen und es zu verkosten.
  • Wie schaust du von hier aus auf die äußeren Umstände? Wie empfindest du sie? Frage dich, was zurzeit alles gut läuft …