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Achtsames Leben – Aufwachen

von Richard Stiegler

Ist es nicht ein wunderbares Gefühl, morgens aus einem erholsamen Schlaf aufzuwachen? Wenn wir morgens die Augen öffnen und unser Geist frisch ist, können wir das Leben ganz anders in uns aufnehmen. Wir sehen gleichsam mit neuen Augen.

Doch am Morgen zu erwachen ist nicht nur ein täglicher Segen. Erwachen ist auch eine zentrale Eigenschaft, die auf dem spirituellen Weg angestrebt und geschult wird. So heißt „Buddha“ wörtlich übersetzt der „Erwachte“. Doch was bedeutet „Aufwachen“ im spirituellen Kontext? Warum wird hier das Wachsein so hochgeschätzt? Hat nicht auch ein guter Schlaf eine heilsame Wirkung?

 

Woraus erwachen wir?

Wenn wir übers Aufwachen sprechen, dann müssen wir zunächst klären, worauf es sich bezieht. Wir können zum Beispiel morgens aus nächtlichen Träumen erwachen. Dabei lassen wir die innere Welt unserer Träume zurück und es öffnet sich die äußere Wirklichkeit, die sogenannte Alltagsrealität. Entscheidend ist, dass im Aufwachen eine neue Form der Bewusstheit entsteht. Schlafen ist daher die Metapher für Unbewusstheit und Wachsein steht für Bewusstheit.

Das Aufwachen von Buddha bezieht sich selbstverständlich nicht auf den nächtlichen Schlaf, sondern auf eine spezifische Form der Unbewusstheit, welche im Zentrum unseres Lebens steht, ohne dass wir sie bemerken oder in Frage stellen. Nun, was steht im Zentrum unseres Lebens? Es sind wir selbst – das Gefühl von „Ich“ –, welches dort immer einen zentralen Bezugspunkt darstellt. „Ich atme, ich höre, ich denke, ich handle …“ Immer steht das Ich im Zentrum jeglichen Geschehens. Ist uns das bewusst?

 

Wo beginnt das Ich?

Dass wir selbst im Zentrum unseres Erlebens stehen, ist so selbstverständlich, dass wir es normalerweise niemals in Frage stellen. Dabei ist dieses Ich gar nicht so eindeutig, wie wir es immer annehmen. Wo beginnt das Ich und wo hört es auf? Ist unser Körper das Ich? Ist es nicht so, dass sich all unsere Zellen im zwei Jahreszyklus erneuern. Erneuert sich das Ich alle zwei Jahre? Oder finden wir das Ich in „unseren“ Gedanken? Ja, mit manchen Einstellungen, Selbstbildern und Erinnerungen sind wir zutiefst identifiziert. Sie machen einen erheblichen Teil unserer alltäglichen Identität aus. Und doch können sich diese im Laufe unseres Lebens ändern.

Das sogenannte Ich ist wie ein Chamäleon zutiefst wandelbar. Es kann immer neue Formen annehmen und sich dabei mit neuen Ideen, Rollen, Gegenständen und Beziehungen identifizieren. Mit anderen Worten: Es gibt keine eindeutige gleichbleibende Identität, auch wenn es sich so anfühlen mag.

 

Die Dynamik des Leidens

Solange wir unbewusst an ein feststehendes, eindeutiges Ich glauben, wird es unser Leben bestimmen. Wir werden allem, was wir mit „mein“ bezeichnen, (mein Kind, mein Aussehen, meine Wohnung, mein Beruf, …) besonders viel Aufmerksamkeit schenken und es entsprechend festhalten und verteidigen, wenn es bedroht scheint. Wenn wir uns nun bewusst machen, dass sich grundsätzlich alles im Leben wandelt, dann ist unser Ich eigentlich immer bedroht.

Auf diese Weise wird die Identifikation mit dem Ich, welches im Zentrum unseres Lebens steht und das wir so sehr verteidigen wie nichts anderes, zur zentralen Ursache für Leiden. Meistens denken wir, dass wir an den Veränderungen des Lebens leiden, wie zum Beispiel, dass unser Körper älter wird oder wir einen schmerzhaften Verlust erfahren. Doch wenn etwas sich verändert, das mit unserem Ich nicht verknüpft ist, leiden wir nicht. Das bedeutet, dass die Dynamik des Leidens aus dem Festhalten an einer bestimmten Ich-Identität erwächst. Diese grundlegende Ursache für Leiden hat Buddha in seinem Erwachen erkannt und er hat einen Weg aufgezeigt, diese Art von Leiden zu überwinden.

 

Auch wir können erwachen

Wir alle tragen das Potential zu Bewusstheit in uns und können dementsprechend aus der Fixierung auf eine bestimmte Ich-Identität erwachen. Dazu müssen wir aber tiefer realisieren, dass unsere Ich-Identität keinesfalls feststehend ist und dass das Ich-Gefühl, das immer im Zentrum unserer Welt zu stehen scheint, bei genauerer Betrachtung eine Fata Morgana ist. Immer nämlich, wenn wir es fassen wollen, verschwindet es im Lichte unserer Achtsamkeit.

Anders gesagt: In der unmittelbaren Betrachtung gibt ein Zeugenbewusstsein, aber wir finden keine Person und kein Ding, das bezeugt. Je tiefer wir dies realisieren, desto deutlicher spüren wir, dass im Zentrum allen Geschehens kein „Ich“ ist, sondern ein sehr weiter, bewusster Raum, in dem alle Erfahrungen erscheinen. Es ist der offene und zeitlose Raum des Gewahrseins, der allem Existierenden zugrunde liegt.

Was verändert sich wohl, wenn im Zentrum unseres Seins nicht mehr das kleine „Ich“ residiert, sondern ein weiter umfassender Raum voller Bewusstheit lebt? Wie frei könnten wir doch leben und wie vertrauensvoll könnten wir alle Veränderungen zulassen?

 

Zwischen Schlafen und Aufwachen

Nur um nicht missverstanden zu werden, möchte ich hinzufügen, dass wir natürlich weiterhin als Person in der Welt sind und dort agieren. Unser Körper und unsere Rollen, die wir bekleiden, lösen sich im Erwachen nicht auf, aber wir sind mit der äußeren Identität nicht mehr (so stark) identifiziert. Das gibt uns eine neue Freiheit und öffnet uns gleichzeitig für ein Mitgefühl, das alle Wesen und alle Geschehnisse umfasst.

Und können wir dann noch schlafen? Sind wir vielleicht weiterhin noch manches Mal unbewusst und machen immer wieder dumme Fehler? Selbstverständlich. Wir bleiben ein Mensch und müssen schlafen und machen Fehler. Unser Gehirn braucht für seine Regeneration Zeiten der Unbewusstheit, in denen wir auftanken können. Denn Bewusstheit braucht viel Energie. Daher ist es sehr natürlich, dass unsere Aufmerksamkeit immer wieder erlahmt und wir müde werden. Wir tun also gut daran, Wachheit oder Achtsamkeit nicht zu idealisieren, sonst sind wir im Kampf mit unserer menschlichen Natur, die Schlaf und Unbewusstheit benötigt. Sobald wir das jedoch akzeptieren, können wir im eigenen Rhythmus pendeln zwischen Schlafen und immer wieder – Aufwachen.

Was wir das ICH nennen
Ist eine kleine
Wenn auch nicht ganz unbedeutende
Verdichtung
Zwischen Schlafen und Erwachen.
Richard Stiegler

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern schöne und erholsame Sommertage mit viel und gutem Schlaf und Momente des freudigen Erwachens! 



ÜBUNG: Vom „Ich“ zum Offensein

  • Spür dich, wie du als Person im Zentrum deines Lebens stehst und sprich in dich die Worte hinein: „Ich atme, ich höre, ich denke, ich handle, …“ Und dann auch: „Mein Körper, meine Gedanken, mein Besitz, meine Rollen, …“
  • Lass zu diesem Erleben, wenn du als Person im Zentrum der Welt stehst, ein phantasievolles Bild auftauchen.
  • Schlüpf jetzt in dieses Bild hinein und erkunde dein Erleben dabei. Welcher Körperausdruck entsteht hier? Welche Gefühle zeigen sich? Und wie erfährst du es hier, wenn sich etwas im Leben (unfreiwillig) ändert?
  • Dann leg alles bewusst zur Seite und strecke und dehne dich. Atme tief durch und schaffe Raum in dir …
  • Dann lasse deine Aufmerksamkeit ganz weit und offen sein – ein weites offenes Lauschen, das sich auf nichts Bestimmtes ausrichtet.
  • Tauche in diese Offenheit immer tiefer ein und lass die Worte innerlich klingen: „Vollkommen offen sein“.
  • Was breitet sich dabei innerlich aus? Lass auch hier einen Körperausdruck entstehen und spür, welche Gefühle sich öffnen.
  • Wie erfährst du das Leben, wenn diese Offenheit im Zentrum deines Seins lebt? Wie lebst du dann? Und wie geht es dir dann mit den ewigen Veränderungen im Leben?