{"id":10333,"date":"2021-03-08T19:12:33","date_gmt":"2021-03-08T18:12:33","guid":{"rendered":"https:\/\/domicilium.de\/zen-spiritualitaet-bildung\/?p=10333"},"modified":"2023-05-16T19:16:34","modified_gmt":"2023-05-16T17:16:34","slug":"richard-stiegler-achtsames-leben-so-gott-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/domicilium.de\/zen-spiritualitaet-bildung\/richard-stiegler-achtsames-leben-so-gott-will\/","title":{"rendered":"Richard Stiegler: \u201eAchtsames Leben \u2013 Wann, wann, wann?\u201c"},"content":{"rendered":"\t\t
8. M\u00e4rz 2021<\/span><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t Und wieder stagnieren trotz wochenlanger Beschr\u00e4nkungen die Corona-Zahlen und in Deutschland wird der Lockdown verl\u00e4ngert. Allerorts w\u00e4chst t\u00e4glich sp\u00fcrbar eine dr\u00e4ngende Ungeduld: Wann kehren das normale Leben und unsere gewohnten Freiheiten zur\u00fcck? Nach einem Jahr der Pandemie mit Kontakt- und Reisebeschr\u00e4nkungen, kultureller Enthaltsamkeit, Homeoffice, Homeschooling und vielen anderen Entbehrungen sind die meisten Menschen einfach m\u00fcrbe. Und doch befinden wir uns offensichtlich noch nicht am Ende dieser langen kargen \u201eWinterzeit\u201c und wir wissen nicht, wie lange sie noch andauern wird. So bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als zu warten. Wohl denen, die jetzt geduldig sind!<\/p> \u00a0<\/p> Ist Warten vergeudete Zeit?<\/strong><\/p> H\u00f6chste Zeit, sich ein paar Gedanken \u00fcber das Warten zu machen. Schlie\u00dflich steht das Warten in unserer Gesellschaft, die so sehr die Beschleunigung liebt, nicht gerade hoch im Kurs. Vielmehr hat man den Eindruck, dass alles daf\u00fcr getan wird, noch schneller zu kommunizieren, zu konsumieren und zu produzieren. Momente des M\u00fc\u00dfiggangs, in denen nichts geschieht, erscheinen in diesem Licht als eine altmodische und unn\u00fctze Lebensweise, die uns Lebensintensit\u00e4t raubt. Entsprechend f\u00fcllen wir die scheinbar sinnlose Zeit des Wartens dank Handy, Radio, Fernsehen und Internet mit Medienkonsum auf. Auf diese Weise entgehen wir im Warten dem unangenehmen Gef\u00fchl der Leere. \u00a0<\/p> Sehnsuchtsort Zukunft<\/strong><\/p> Warten ist also eine Haltung, in der unsere Aufmerksamkeit auf das Kommende ausgerichtet ist. Und je intensiver wir die Zukunft ersehnen, desto weniger leben wir in der Gegenwart und umso langsamer verstreicht die Zeit – manchmal sogar qu\u00e4lend langsam. Ganz anders erleben wir Momente, in denen wir ganz im Gegenw\u00e4rtigen aufgehen und die Lebensintensit\u00e4t darin unmittelbar sp\u00fcren. Haben wir in diesen Augenblicken nicht das Gef\u00fchl, dass die Zeit verfliegt? \u00a0<\/p> Wo das Leben auf uns wartet<\/strong><\/p> Doch was w\u00fcrde passieren, wenn wir das Fernglas weglegen und unseren Blick wieder \u00f6ffnen f\u00fcr das Leben, das jetzt auf uns wartet – also f\u00fcr die Gegenwart? Freilich m\u00fcssten wir dazu das innere Fernglas weglegen, das unseren Blick auf die Zukunft verengt. Anders gesagt, wir m\u00fcssten bereit sein, unsere Vorstellungen und \u201eEr-wartungen\u201c auf die Seite zu legen und unseren Blick wieder zu weiten. Nur dann kann es geschehen, dass wir erkennen, was eigentlich jetzt alles in unserem Leben wirkt und welche M\u00f6glichkeiten sich daraus ergeben. \u00a0<\/p> Eine andere Art des Wartens<\/strong><\/p> Im Warten liegt jedoch nicht nur die Vielfalt und der Reichtum der Gegenwart verborgen. Das Warten selbst hat ein eigenes Potential, das wir oft \u00fcbersehen. Dieses offenbart sich erst, wenn wir uns in ein absichtsloses Warten begeben. Hermann Hesse beschreibt es in Siddharta als eine Art \u201eZuh\u00f6ren, ein Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, ge\u00f6ffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.\u201c \u00a0<\/p> \u00dcBUNG: Warten – frei von jeglicher Absicht<\/strong><\/p> Und wieder stagnieren trotz wochenlanger Beschr\u00e4nkungen die Corona-Zahlen und in Deutschland wird der Lockdown verl\u00e4ngert. Allerorts w\u00e4chst t\u00e4glich sp\u00fcrbar eine dr\u00e4ngende Ungeduld: Wann kehren das normale Leben und unsere gewohnten Freiheiten zur\u00fcck? Nach einem Jahr der Pandemie mit Kontakt- und Reisebeschr\u00e4nkungen, kultureller Enthaltsamkeit, Homeoffice, Homeschooling und vielen anderen Entbehrungen sind die meisten Menschen einfach m\u00fcrbe. Und doch befinden wir uns offensichtlich noch nicht am Ende dieser langen kargen \u201eWinterzeit\u201c und wir wissen nicht, wie lange sie noch andauern wird. So bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als zu warten. Wohl denen, die jetzt geduldig sind! <\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":10336,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_mo_disable_npp":"","inline_featured_image":false,"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[105],"tags":[],"class_list":["post-10333","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne-richard-stiegler"],"acf":[],"yoast_head":"\n
Doch was bedeutet es eigentlich, zu warten? Und ist es wirklich eine Vergeudung von Lebenszeit? Wenn wir unser allt\u00e4gliches Leben genauer betrachten, werden wir feststellen, dass es viele kleine und gro\u00dfe Momente des Wartens gibt. Wir warten auf den Bus oder auf einen Besuch. Manchmal warten wir auf den lang ersehnten Urlaub und manche Menschen auf die Pension. Zurzeit wartet alle Welt auf das Ende der Pandemie mit all ihren Einschr\u00e4nkungen. So schielen wir im Warten immer auf das Kommende. Dort, in der Zukunft, liegt das gro\u00dfe Versprechen. In der Zukunft scheint das Leben stattzufinden. Und w\u00e4hrend wir auf die Zukunft fixiert sind, zieht das gegenw\u00e4rtige Leben still und unbemerkt an uns vor\u00fcber.<\/p>
Wenn wir diese Dynamik erkannt haben, dann bekommt das Warten eine neue Bedeutung. Immer n\u00e4mlich, wenn die Zeit so gar nicht vergehen will und wir dabei immer ungeduldiger werden, liegt es nicht daran, dass die Zukunft auf sich warten l\u00e4sst, sondern daran, dass wir nicht im Augenblick anwesend sind. Wir verhalten uns dabei wie jemand, der mit dem Fernrohr immer nur zum Horizont blickt und dort die Verhei\u00dfung sucht. Der unmittelbaren Umgebung wird keine Aufmerksamkeit geschenkt. Hand aufs Herz: Wie oft denken wir selbst, dass das Paradies in der Zukunft liegt?<\/p>
Gegenwart ist n\u00e4mlich Potentialit\u00e4t. In jedem Augenblick gibt es unz\u00e4hlige M\u00f6glichkeiten, voll und ganz lebendig zu sein. Ob wir einen tiefen Atemzug nehmen und die Vitalit\u00e4t sp\u00fcren, die dabei durch unseren K\u00f6rper str\u00f6mt, ob wir die Kostbarkeit sp\u00fcren, lebendig zu sein, ob wir die Geschenke sp\u00fcren, die uns in jedem Augenblick zuflie\u00dfen, ob uns bewusst wird, dass immer ungez\u00e4hlte Begegnungen in der Gegenwart auf uns warten oder ob wir spontan zu tanzen und zu singen beginnen – immer gibt es einen bunten Strau\u00df an M\u00f6glichkeiten, den Augenblick zu verkosten, zu feiern, mit ihm zu spielen und darin aufzugehen. Worauf warten wir also?<\/p>
Es gibt also eine andere Art des Wartens. Hier sind wir auf nichts Bestimmtes fokussiert, sondern im Warten selbst pr\u00e4sent \u2013 offen und vollkommen empfangend. Je tiefer wir uns in diese unbedingte Offenheit hineinbegeben, desto deutlicher offenbart sich hier eine verdichtete Pr\u00e4senz \u2013 ein Seinsgef\u00fchl, das nichts braucht und keine Zukunft kennt. Wundert es da, wenn Franz Kafka in seinen Briefen schreibt: \u201eVielleicht gibt es nur eine Haupts\u00fcnde: die Ungeduld.“<\/p>