{"id":10205,"date":"2022-06-07T18:49:15","date_gmt":"2022-06-07T16:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/domicilium.de\/zen-spiritualitaet-bildung\/?p=10205"},"modified":"2023-11-07T13:38:25","modified_gmt":"2023-11-07T12:38:25","slug":"richard-stiegler-achtsames-leben-die-mauern-in-unseren-koepfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/domicilium.de\/zen-spiritualitaet-bildung\/richard-stiegler-achtsames-leben-die-mauern-in-unseren-koepfen\/","title":{"rendered":"Richard Stiegler: \u201eAchtsames Leben \u2013 Die Mauern in unseren K\u00f6pfen\u201c"},"content":{"rendered":"\t\t
Zurzeit spitzt sich der Ost-West-Konflikt wieder zu. Pl\u00f6tzlich denken wir wieder in Bl\u00f6cken – wie in Zeiten des kalten Krieges. Dreiunddrei\u00dfig Jahre nach dem Mauerfall schaukelt sich die Dynamik zwischen Ost und West erneut gef\u00e4hrlich auf und niemand wei\u00df derzeit, wo diese Eskalation hinf\u00fchren wird.<\/p>
Doch wo beginnt eigentlich der Konflikt? Wie entstehen Polarisierungen, Hass und letztlich gewaltvolle Konflikte? Wo werden die Mauern dieser Welt gebaut? Solange wir nicht die Mauern in unseren K\u00f6pfen \u00fcberwinden, werden sie immer wieder zwischen V\u00f6lkern errichtet werden.<\/p>
\u00a0<\/p>
Die Samen des Hasses in uns<\/strong><\/p> Wenn wir uns fragen, ob wir Mauern und gewaltvolle Konflikte zwischen Menschen und V\u00f6lkern f\u00fcr guthei\u00dfen, dann w\u00fcrden wahrscheinlich die meisten Menschen verneinen. Und doch sind wir mehr daran beteiligt, als uns \u00fcblicherweise bewusst ist. Denn Konflikte und Kriege sind keine Dynamiken, die irgendwo drau\u00dfen in der Welt stattfinden und mit unserem Leben nichts zu tun haben. Nein, die Wurzeln daf\u00fcr sind in uns \u2013 in unserem Geist \u2013 zu finden und wir tun gut daran, die Anf\u00e4nge von Ausgrenzung und Hass in uns erkennen zu lernen. Erst dann haben wir die M\u00f6glichkeit, diese Samen des Hasses kraft unserer Bewusstheit nicht weiter zu n\u00e4hren. Erst dann k\u00f6nnen wir selbst aus der unseligen Dynamik von Unverst\u00e4ndnis und sich aufschaukelnder Gewalt aussteigen.<\/p> \u00a0<\/p> Von Zugeh\u00f6rigkeiten und Verallgemeinerungen<\/strong><\/p> Wenn wir die Ursachen von Gewalt und Hass genauer studieren, k\u00f6nnen wir beobachten, dass Hass nicht erst beginnt, wenn wir uns verletzt, bedroht oder gekr\u00e4nkt f\u00fchlen und dies sich dann explosiv oder gewaltvoll entl\u00e4dt. Nein, die Wurzeln des Hasses beginnen viel fr\u00fcher. Dort n\u00e4mlich, wo wir uns mit Zugeh\u00f6rigkeiten identifizieren und in Verallgemeinerungen denken.<\/p> Wenn ich zum Beispiel sage, \u201eIch bin Deutscher\u201c, dann ist das zun\u00e4chst nicht mehr als eine Einordnung und sicherlich kein Problem. Ich kann diese Zuordnung ohne weiteres wechseln, wenn ich zum Beispiel in ein anderes Land ziehe. Aber h\u00e4ufig bleibt es eben nicht bei der schlichten Zuordnung, sondern es kommt gleichzeitig zu einer Identifizierung. \u201eDeutsch sein\u201c wird Teil unserer Identit\u00e4t. Diese gibt uns einerseits Halt, muss aber andererseits auch verteidigt werden. Wie bei jeder Art von Identifikation entsteht eine geistige Fixierung, die unser Denken, F\u00fchlen und Handeln bestimmt.<\/p> \u00a0<\/p> Es gibt keine Deutschen<\/strong><\/p> Wie viele Zuordnungen gibt es in unserem Leben und wie stark bestimmen diese unsere Identit\u00e4t? Ob wir sagen: \u201eIch bin eine Frau oder ein Mann. Ich bin Christ*in oder ich bin Teil einer bestimmten Berufsgruppe.\u201c, fast immer wird diese Zuschreibung zu einem festen Bestandteil unserer Identit\u00e4t. Das kann man schon daran erkennen, dass wir meist nicht sagen: \u201eIch habe den K\u00f6rper eines Mannes oder einer Frau.\u201c, sondern wir sagen: \u201eIch bin ein Mann oder ich bin eine Frau.\u201c<\/p> Dabei ist die Zuschreibung zu einer Gruppierung wie der \u201eDeutschen\u201c oder der \u201eChrist*innen\u201c eine Verallgemeinerung und sagt, wie wir (eigentlich) wissen, nichts \u00fcber uns als konkrete Person aus. Gibt es einen typischen Deutschen? Wissen wir, wenn jemand sagt, sie sei Christin, etwas dar\u00fcber, was diese Person wirklich glaubt und wie sie ihr religi\u00f6ses Leben gestaltet?<\/p> Es gibt keine Deutschen, es gibt keine Italiener*innen, es gibt keine Christen*innen, es gibt keine Moslems und keine Muslimas. Es gibt nur Menschen, die auf ihre eigene Art f\u00fchlen und leben. Genauso gibt es auch im aktuellen Krieg keine Ukrainer*innen und keine Russ*innen. Wenn wir diesen Krieg \u00fcberwinden wollen, m\u00fcssen wir zuallererst diese Verallgemeinerungen in unseren K\u00f6pfen beenden.<\/p> \u00a0<\/p> Auf den einzelnen Menschen schauen<\/strong><\/p> Jedes Mal, wenn wir auf die Zugeh\u00f6rigkeit einer Person schauen und dadurch glauben, etwas \u00fcber sie zu wissen, ist das bei n\u00e4herer Betrachtung schlicht eine Illusion. Wenn wir Angst vor \u00dcberfremdung durch \u201eMuslimische Menschen\u201c haben und Aussagen \u00fcber \u201eMoslems\u201c treffen, kennen wir den einzelnen Menschen und seine oder ihre Umst\u00e4nde? Wenn jemand wei\u00df, dass wir Deutsche*r oder Christ*in sind, wei\u00df er oder sie etwas \u00fcber uns? F\u00fchlen wir uns dann gesehen und erkannt?<\/p> Verallgemeinerungen und die Identifikation mit Zugeh\u00f6rigkeiten ist eine entscheidende Wurzel f\u00fcr Bewertungen, f\u00fcr Angst und Ausgrenzung und letztlich auch f\u00fcr Hass und Gewalt. Durch jede Verallgemeinerung und jede Identifikation entstehen Grenzen in unserem Kopf und falsche Zuschreibungen, die mit der Wirklichkeit der einzelnen Person meistens nicht \u00fcbereinstimmen. Solange uns diese Grenzen in unserem Kopf bestimmen, kann nichts anderes in die Welt kommen als Missverst\u00e4ndnisse und Trennung.<\/p> \u00a0<\/p> Der allt\u00e4gliche Hass<\/strong><\/p> Dabei sind Verallgemeinerungen viel allt\u00e4glicher als man im ersten Moment denkt. Und sie sind gesellschaftlich total akzeptiert. Wie oft haben wir schon Menschen sprechen h\u00f6ren, wie Frauen im Unterschied zu M\u00e4nnern seien. Stimmen diese Stereotypen wirklich? Oder gibt es nicht auch viele Gegenbeispiele? Wie oft haben wir selbst vielleicht schon gedacht, die \u201eMoslems\u201c oder die \u201eZensch\u00fcler*innen\u201c oder die \u201eZeugen Jehovas\u201c sind \u2026? Erst im Verzicht auf Zuschreibungen und Verallgemeinerungen, haben wir den Blick frei, den einzelnen Menschen zu sehen und ihm oder ihr zu begegnen. Nur dadurch entsteht eine Offenheit, in der wirkliche Bezugnahme und Verst\u00e4ndigung geschehen kann und in der wir uns als Menschen nahekommen k\u00f6nnen.<\/p> Lasst uns wachsam sein! Lasst uns die Wurzeln von Ausgrenzung, Gewalt und Hass in unserem Geist bemerken und lasst uns nicht akzeptieren, wenn andere Menschen in Generalhaftung genommen und wegen ihrer Zugeh\u00f6rigkeit bewertet oder verfolgt werden.<\/p> \u00a0<\/p> \u00a0<\/p> \u00dcBUNG: Verallgemeinerungen durch Offenheit ersetzen<\/strong><\/p> Folgender Fragenzyklus wird dreimal mit unterschiedlichen Inhalten durchgef\u00fchrt:<\/p> \u00a0<\/p> Nachdem du dreimal den Fragenzyklus durchgef\u00fchrt hast, stelle dir am Schluss folgende Frage:<\/p> Zurzeit spitzt sich der Ost-West-Konflikt wieder zu. Pl\u00f6tzlich denken wir wieder in Bl\u00f6cken – wie in Zeiten des kalten Krieges. Dreiunddrei\u00dfig Jahre nach dem Mauerfall schaukelt sich die Dynamik zwischen Ost und West erneut gef\u00e4hrlich auf und niemand wei\u00df derzeit, wo diese Eskalation hinf\u00fchren wird.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":10207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_mo_disable_npp":"","inline_featured_image":false,"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[105],"tags":[],"class_list":["post-10205","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne-richard-stiegler"],"acf":[],"yoast_head":"\n
<\/li>
<\/li>