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Achtsames Leben – Was brauchen wir wirklich?

von Richard Stiegler
1. Dezember 2022

Vor kurzem hat die Menschheit die Marke von 8 Milliarden überschritten. Zeitgleich ging die Klimakonferenz in Ägypten zu Ende – mit mageren Ergebnissen. Das 1,5 Grad-Ziel scheint nicht mehr erreichbar. Offensichtlich tut sich die Menschheit extrem schwer damit, die notwendigen Umstellungen und Einschränkungen vorzunehmen. Können wir das nicht auch im eigenen Leben beobachten?

Besonders jetzt, wo Weihnachten vor der Tür steht und die Konsummaschinerie wie jedes Jahr auf Hochtouren läuft, werden wir – ungeachtet der Erderhitzung, der Energiekrise und der steigenden Inflation – als Konsumenten und Konsumentinnen umworben, als wäre es ein Naturgesetz, dass wir immer noch mehr für unser Glück benötigen. Obwohl uns (wahrscheinlich) bewusst ist, dass wir nicht durch größeren Konsum glücklicher werden und ökologisch seit langem im Westen über die Verhältnisse unseres Planeten leben, sind wir tief in der Dynamik des Konsums verstrickt. Wie oft kaufen wir uns neue Kleidung? Wie sehr locken uns Unterhaltungsangebote, ein neues Sportgerät oder eine Flugreise in den Süden? Kaum vorstellbar, was geschehen würde, wenn alle 8 Milliarden Menschen so leben würden, wie wir es für selbstverständlich halten.

 

Bedürfnisse sind natürlich

Alle Menschen haben Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte. Das ist natürlich. Unser Körper braucht saubere Luft, Nahrung, Wärme, Entspannung und Bewegung. Unsere Seele wünscht sich echte Zuwendung, Freiheit, aber auch Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir wollen uns persönlich entfalten und die Welt erkunden. Nicht zuletzt gibt es auch ein grundlegendes Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Transzendenz.

Da wir nicht unabhängig existieren, sind wir in einen ewigen Kreislauf von Nehmen und Geben eingebunden. So wie ein Baum Licht und Wasser benötigt, um sich entfalten zu können und um auf der anderen Seite Sauerstoff und Früchte schenken zu können, benötigen auch wir als Menschen körperliche und seelische Nahrung. Sonst können wir uns nicht entfalten und unsere Potenziale entwickeln, um sie wiederum dem Leben zurückzugeben. Das ist zutiefst natürlich.

 

Sind alle Bedürfnisse natürlich?

Wenn wir jetzt jedoch unsere Bedürfnisse näher betrachten, merken wir schnell, dass Bedürfnisse nicht gleich Bedürfnisse sind. Manche dieser Bedürfnisse sind sehr einfach und grundlegend, aber es gibt auch jede Menge Wünsche, die bei Licht betrachtet, völlig unnötig und manchmal sogar schädlich für uns sind.

Um uns im Dschungel der Bedürfnisse zu orientieren, kann es daher hilfreich sein, zwischen primären und sekundären Bedürfnissen unterscheiden zu lernen. Unter primären Bedürfnissen versteht man natürliche, ursprüngliche Bedürfnisse, wohingegen sekundäre Bedürfnisse Ersatzbefriedigungen und Kompensationen sind. Wenn uns daran liegt, mehr Einfachheit und Fülle in unser Leben (und in das Leben unserer Kinder) zu bringen und außerdem damit mehr im Einklang mit der Ökologie zu leben, dann ist es notwendig, klar zwischen echten Bedürfnissen und Scheinbefriedigungen unterscheiden zu lernen. Ersatzbefriedigungen führen nämlich nicht dazu, dass wir uns erfüllter fühlen, sondern nur, dass der eigentliche Mangel überdeckt wird und unser Leben vollgestopft wird wie ein zu voller Trödelladen. Letztlich führen sekundäre Bedürfnisse zur Entfremdung von uns selbst.

 

Doch wie lässt sich das unterscheiden?

Es gibt mehrere Unterscheidungsmerkmale, woran wir erkennen können, ob es sich um ein natürliches Bedürfnis oder um eine Ersatzbefriedigung handelt. Allerdings dienen diese Merkmale nur als grobe Orientierung. Im Einzelfall können wir nur durch genauere Betrachtung entscheiden, welche Art von Bedürftigkeit vorliegt.

Ein Faktor der Unterscheidung ist, dass primäre Bedürfnisse ursprüngliche Bedürfnisse darstellen, wohingegen sekundäre Bedürfnisse ein Ersatz für etwas anderes sind. Wenn wir Hunger haben, kann dies ein ganz natürliches körperliches Bedürfnis sein. Es kann aber auch sein, dass wir uns einsam fühlen. Dann dient das Essen dazu, das eigentliche Gefühl zu überdecken. Ein typisches Beispiel dafür, dass sekundäre Bedürfnisse uns nicht nur von uns selbst entfremden, sondern sogar ungesund sein können.

Ein anderes Unterscheidungsmerkmal ist, dass natürliche Bedürfnisse im Gegensatz zu den sekundären Bedürfnissen in der Regel sehr einfach und grundlegend sind. Wir alle suchen eine Balance zwischen Entspannung und Bewegung. Aber benötigen wir dafür wirklich spezielle Entspannungs- und unzählige Sportgeräte? Wieviel Energie und wie viele Konsumartikel werden nur dadurch generiert, dass wir scheinbar immer mehr und ausgefeiltere Geräte dazu benötigen, um grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen?

Ein weiterer Unterschied zeigt sich in der Wirkung beider Bedürfnisarten. Wenn wir primären Bedürfnissen nachgehen und diese stillen, fühlen wir uns danach ruhiger und erfüllter und wir können für den Augenblick loslassen. Wenn wir dagegen Ersatzbefriedigungen nachgehen, hinterlässt uns das noch unzufriedener. Das Suchen geht weiter. Wenn wir zum Beispiel eine Müdigkeit oder eine innere Leere abends durch Berieselung vor dem Fernseher überdecken, führt dies nicht dazu, dass wir mit uns in Verbindung kommen und wir dann erfüllt ins Bett gehen. Im Gegenteil, die innere Entfremdung nimmt sogar noch zu.

 

Innehalten

Letztlich können wir nur von Moment zu Moment entscheiden, ob ein augenblickliches Bedürfnis gerade primär ist, und damit das Potential hat, uns tiefer mit uns selbst zu verbinden, oder ob es sekundär ist und uns von uns selbst entfremdet. Das erfordert eine große Wachheit. Doch wenn wir an einem tieferen Kontakt zu uns selbst und an mehr Zufriedenheit im Leben interessiert sind, müssen wir die Unterscheidungsgabe und den Willen entwickeln, sekundäre Bedürfnisse als solche zu erkennen und damit innezuhalten. Erst wenn wir uns nicht andauernd in Scheinbedürfnissen verlieren, wird der Raum in uns entstehen, immer mehr unsere natürlichen Bedürfnisse zu spüren.

Das ist nicht ganz so einfach, wie es im ersten Moment scheint. Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der uns ununterbrochen suggeriert wird, dass es im Leben um sekundäre Bedürfnisse geht: um materielle Güter, um Prestige und um vielfältigen Medienkonsum. Und wir sind häufig tief in diese modernen Lebensverführungen verstrickt. Der ehrliche Blick in den Spiegel des eigenen Lebens kann da sehr ernüchternd ausfallen.

Doch wir haben die Fähigkeit, mit Scheinbedürfnissen innezuhalten und ein einfacheres, stilleres Leben im Einklang mit unseren wahren Bedürfnissen zu führen – auch und vielleicht gerade in der Weihnachtszeit. Das ist nicht nur für unser Seelenheil bedeutsam, sondern ein eigener kleiner Beitrag, um der sich zuspitzenden ökologischen Krise entgegenzuwirken.

Abgesehen davon könnten wir ja auch einmal das Geld, welches wir normalerweise für Konsum ausgeben (den wir sowieso nicht brauchen), für die Kompensation unseres CO2-Austoßes zum Beispiel durch Aufforstung von Bäumen verwenden oder für die Unterstützung bedürftiger Menschen. Davon gibt es wahrlich genug.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine erfüllte Advents- und Weihnachtszeit!

 

ÜBUNG: Primäre und sekundäre Bedürfnisse

  • Was ist ein natürliches, primäres Bedürfnis von dir? Wie könntest du diesem Bedürfnis nachgehen, ohne dabei auf energieintensive Methoden zurückzugreifen? (z.B. Braucht es für Entspannung eine Sauna? Braucht es für Bewegung spezielle Sportgeräte und Sporthallen?)

  • Wie fühlst du dich danach, wenn du ein primäres Bedürfnis gestillt hast?

  • Was ist ein typisches sekundäres Bedürfnis von dir? Und wie fühlst du dich danach, wenn du dieser Ersatzbefriedigung nachgegeben hast?

  • In welchen typischen Situationen melden sich sekundäre Bedürfnisse? Welcher innere Mangel oder welche Art von Unerfülltheit wird hier überdeckt?

  • Wenn du diesen Mangel in dir zulassen würdest, welche Gefühle tauchen hier auf? Welcher Körperausdruck oder welches phantasievolle Bild drückt diesen inneren Zustand aus? Nimm diese Körperhaltung ein oder male das Bild…

  • Nach was sehnst du dich hier eigentlich?

  • Stell dir so konkret wie möglich vor, dass sich diese Sehnsucht erfüllt und erkunde dann, was sich innerlich – in Körper und Seele – ausbreitet.

  • Wie schaust du jetzt auf das sekundäre Bedürfnis?