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Achtsames Leben – Und immer wieder ist es Sommer!

von Richard Stiegler

Wer freut sich nicht auf Sommer, Urlaub und Erholung? Vor allen Dingen heuer, nach einem weiteren Jahr der Pandemie, in denen viele Menschen mit Begrenztheit, mit home office, Schulschließungen und Planungsunsicherheiten zu ringen hatten. Endlich wieder reisen können! Endlich unbeschwerte Erholung! Freilich, ganz unbeschwert wird dieser Sommer nicht sein, denn die globalen Krisen sind zu groß, als dass wir sie einfach hinter uns lassen könnten. Dürfen wir da an das eigene Wohl denken? Dürfen wir da unbeschwert in den Urlaub fahren und uns erholen? Ja, wir dürfen!

 

Im Ruhemodus

Ein achtsames Leben zu führen, bedeutet nicht nur, mit offenem Herzen durch die Welt zu gehen und unseren Beitrag ins große Netz des Lebens einzuweben. Nein, es bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und für einen guten Ausgleich zu unseren üblichen Aktivitäten Sorge zu tragen. Daher haben Räume, in denen wir uns ganz aus dem Alltäglichen und dem Vielen herausnehmen, in denen wir entspannen und uns nähren, eine große Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit. Nur in Momenten, in denen unser Organismus in den Ruhemodus absinken kann, regenerieren wir körperlich, seelisch und geistig. Dort tanken unsere Zellen auf. Dort wird unser Gehirn regelrecht „durchgewaschen“, von Schlacken befreit und unsere Seele bekommt Raum zum Atmen.

 

Das Paradies – ein Schlaraffenland?

Auf der anderen Seite ist ein Leben, das nur der eigenen Erholung gewidmet ist, ein sehr ichzentriertes und bedeutungsloses Leben. Manche Menschen träumen von einem Leben im Dauerurlaub, von einem paradiesischen Zustand, in dem Milch und Honig fließen. Aber ist das wirklich das Paradies? Oder nur eine Projektion eines Schlaraffenlandes, in welchem wir langsam aber sicher in einen trägen, sinnentleerten, da vollkommen ichzentrierten Zustand abgleiten würden?

Stellen wir uns doch einmal vor, das Leben bestünde darin, immer nur zu genießen und aufzunehmen. Als ob wir immer nur wunderbare Speisen zu uns nehmen, aber uns niemals bewegen, niemals etwas arbeiten oder leisten würden – also nur Aufnehmen und nicht Geben. Wir würden nicht immer satter und glücklicher werden, sondern vermutlich platzen. Konsum und Bequemlichkeit sind kein Paradies, wie uns die Werbung manchmal glauben machen will, sondern die Vision eines Lebens, das vollkommen aus der Balance geraten ist.

 

Ein Leben in Balance

Aus diesem Grund ist es für eine ausgewogene Lebensführung höchst bedeutsam, immer wieder zu betrachten, wie im eigenen Leben das Verhältnis zwischen Aufnehmen und Geben, Erholung und Aktivität, Ruhe und Bewegung, Genießen und Sich-Engagieren, Sein und Tun ist. Nur wenn das Verhältnis zwischen Sein und Tun in einer stimmigen Balance ist, können wir körperlich-seelisch gesund bleiben und gleichzeitig unseren persönlichen Beitrag für andere und die Welt einbringen.

Das ist bedeutsam für uns selbst, aber auch für unseren Platz in der Welt. Denn wenn unser Leben keine Früchte hervorbringt, haben wir nicht das Gefühl der Selbstwirksamkeit und werden auch keine Sinnhaftigkeit empfinden können. Wenn wir aber ausbluten, da wir nicht auf uns achten, wird unser Leben auch nicht über uns selbst hinaus wirken können. Im Talmud heißt es daher:

Wenn du nicht für dich bist, wer ist es dann?
Wenn du nur für dich bist, wer bist du dann?
Wann, wenn nicht jetzt?
Talmud

 

Die Schale der Liebe

Doch es gilt nicht nur, darauf zu achten, dass Sein und Tun, Erholung und Aktivität ausgewogen sind. Oft wird nämlich im Alltag das Verhältnis zwischen Sein und Tun auf den Kopf gestellt. Wir glauben häufig, dass das Wichtigste unsere Aktivität ist, und erst danach die verdiente Erholung kommen darf. Das, was wir geben und tun, bekommt dadurch eine höhere Bedeutung als das Dasein und die Entspannung.

Das aber ist die falsche Reihenfolge. Stellen wir uns doch einmal einen Baum vor, der zuerst austreibt und Früchte trägt, bevor er sich tiefer verwurzelt. So ein Baum wäre wahrscheinlich nicht lange überlebensfähig. Die natürliche Reihenfolge ist, dass sich ein Baum zunächst gründet und die Säfte aus dem Boden holt, und dann nach oben treibt und der Welt seine Blüten und Früchte darbietet.

Erst Sein, dann Tun! Das ist die natürliche Hierarchie des Lebens. Nur dann können wir dauerhaft ein gesundes Leben führen und dem Leben und anderen unseren Beitrag schenken.

 

Die Schale der Liebe

Wenn du vernünftig bist, erweise Dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen,
und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist,
strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.

Du tue das Gleiche!
Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,
nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,
wem bist du dann gut?

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle.
Wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux

 

Auch ich werde im Sommer mit meiner Familie Urlaub machen. Daher wird der nächste Newsletter erst Anfang September erscheinen.

Ich wünsch allen Leser*innen von Herzen einen schönen Sommer und einen erholsamen Urlaub!

 

ÜBUNG: Sein und Tun – vom richtigen Verhältnis

  • Reflektiere zunächst über das Sein:
    Was nährt dich? Wodurch kannst du auftanken? Welche Räume des Seins und der Erholung gibt es in deinem Leben?

  • Dann reflektiere über das Tun:
    Wo engagierst du dich in Familie, Beruf und Gesellschaft? Wie und wo leistest du deinen Beitrag? Was wirkt über dein kleines Leben hinaus?

  • Visualisiere jetzt einen Baum: deinen „Lebensbaum“. Lass dich überraschen, welcher Baum vor deinem inneren Auge gerade auftaucht und betrachte ihn genauer.

  • Wie gesund und vital sieht er aus? Wie ist seine Umgebung? Wie fruchtbar ist der Boden? Welcher Himmel erstreckt sich über ihm? Welche Ausstrahlung hat der Baum?

  • Dann betrachte, das Verhältnis zwischen Wurzeln und Krone, zwischen der Nahrung aus der Erde und den Blüten und Früchte? Ist das Verhältnis ausgewogen? Gilt die erste Aufmerksamkeit den Wurzeln?

  • Wechsle jetzt die Perspektive und stell dir so konkret wir möglich vor, dieser Baum zu sein.
    Fühle zunächst, wie durch deine Füße tiefe Wurzeln in die Erde wachsen.
    Fühle dich tief in der Erde gegründet und spür, wie es sich anfühlt, wenn du verwurzelt bist und von dort die Energie aufsteigt.
    Dann fühle, wie die Energie ganz natürlich in deine Krone fließt und wie dort Blüten und Früchten wachsen.
    Wie erfährst du dich als Baum mit einem natürlichen Zyklus: Wenn du dich zunächst verwurzelst und Energie aufnimmst, um dann deine Früchte dem Leben zur Verfügung zu stellen?

  • Betrachte jetzt nochmal dein eigenes Leben und frage dich, was würde es bedeuten, wenn du den ersten Platz dem Sein und der inneren Verwurzelung gibst, um dich daraus ums Tun und um deine Aufgaben zu kümmern?