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Achtsames Leben – Freiheit – ein hohes Gut!

von Richard Stiegler

Im Zuge der Corona-Pandemie wird die Freiheit im öffentlichen und privaten Raum auf eine Weise eingeschränkt, wie es die meisten Lebenden in Deutschland noch nie zuvor erfahren haben. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen empören und immer weniger bereit sind, sich an die vorgegebenen Reglementierungen zu halten. Von außen eingeschränkt zu werden, trifft uns an einem empfindlichen Nerv. Wie schnell wird da (unbewusst) die Erinnerung an unsere Kindheit wach, in der wir oft von unseren Eltern begrenzt oder gemaßregelt wurden?

Doch es würde viel zu kurz greifen, das Bedürfnis nach Freiheit und den Kampf darum nur als Kindheitsthema zu bewerten. Besonders in Deutschland sollten wir uns aufgrund unserer Geschichte der menschenverachtenden Diktatur im Dritten Reich bewusst sein, welch hohes Gut die Freiheit des einzelnen Menschen darstellt. Dabei meint Freiheit nicht in erster Linie materielle Freiheit oder Reisefreiheit, so wie es uns unsere Konsumgesellschaft oft vermittelt, sondern die Möglichkeit, uns als Individuum in unserer Natürlichkeit zu entfalten. Denn nur in einem Kontext von Freiheit können wir unsere ureigensten Potenziale entwickeln und diese der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

 

Wo die Freiheit endet

Freiheit ist zweifellos wesentlich. Es ist sogar ein Menschenrecht. In der französischen Revolution lautete der Wahlspruch: „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ Die Freiheit wurde als zentraler Wert vorangestellt. Sind also die derzeitigen pandemiebedingten Einschränkungen zu verurteilen?

Doch halt! Wie steht es mit der Freiheit und dem Leben von anderen? Wie halten wir es zum Beispiel jetzt in der Pandemie mit den vulnerablen Gruppen in der Gesellschaft? Wollen wir wirklich viele Tote in Kauf nehmen, um unsere persönliche Freiheit wiederzuerlangen? Auf diese Frage würde wohl niemand leichten Herzens mit „ja“ antworten. Es gibt also einen anderen Wert, der genauso bedeutsam ist, wie die Freiheit der Einzelnen, nämlich die Solidarität mit anderen Geschöpfen – also die Geschwisterlichkeit. Welcher dieser Werte ist nun wichtiger? Können wir wirklich unsere Freiheit über die Solidarität stellen? Oder sollen wir umgekehrt Solidarität höher bewerten?

 

Das Ich und sein Kontext

Wie bedeutsam diese Frage ist, können wir sowohl in den großen globalen Themen wie zum Beispiel in der Ökologie erkennen, als auch in den kleinen persönlichen Beziehungen unseres Alltags. Die größten globalen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte dürften wohl der Klimawandel und das Artensterben sein. Wie deutlich zeigt sich gerade hier, dass die Freiheit eines grenzenlosen Konsums und einer unbeschränkt expandierenden Wirtschaft unsere Lebensgrundlagen zerstört? Wenn wir sie nicht in eine Balance bringen mit den Bedürfnissen von anderen Geschöpfen, die auch hier auf diesem Planeten leben, und mit denen unser Leben zutiefst verwoben ist, laufen wir geradewegs auf eine Katastrophe zu.

Doch auch im ganz Kleinen, in jeder nahen Beziehung spielt die Frage nach Freiheit und Solidarität eine entscheidende Rolle. Wie wichtig ist es doch für eine lebendige Beziehung, dass wir uns und unsere Bedürfnisse ernst nehmen und entsprechend einbringen? Dann können wir uns innerlich frei fühlen und in der Beziehung entfalten. Doch das ist nur die eine Seite einer gesunden Beziehungsdynamik. Genauso wichtig ist es nämlich, dass wir uns für die Bedürfnisse und das Innenleben des Gegenübers öffnen und uns dafür interessieren. Das schließt durchaus mit ein, dass wir bereit sind, eigene Vorstellungen und Bedürfnisse zeitweise zurückzustellen. Nur in einer Dialektik von Freiheit und Solidarität, in der sowohl das Ich als auch das Du seinen Platz findet, kann sich ein gesundes Wir entfalten. Das wiederum ist aber die Voraussetzung dafür, dass sich auch das Ich entfalten kann, denn wir sind keine Monaden, sondern leben alle in einem (Beziehungs-)Kontext, der unser Leben erst möglich macht.

 

Wer wir sind

Im Talmud, einer der wichtigsten Schriften im Judentum, heißt es: „Wenn du nicht für dich bist, wer ist es dann? Wenn du nur für dich bist, wer bist du dann?“ In dieser schlichten Aussage wird deutlich, dass der Grundwert der Freiheit immer dann in Egoismus abgleitet und damit letztlich lebensfeindlich wirkt, wenn er über die Verbundenheit mit anderen Wesen und damit über den Wert der Solidarität gestellt wird.

Wir sind beides: ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, das nach Selbstentfaltung strebt, und wir sind ein Beziehungswesen, das nur in der Kooperation mit anderen Wesen existieren kann. Nur wer beides im Bewusstsein trägt und dem Eigenen die gleiche Wertschätzung und Aufmerksamkeit zukommen lässt wie dem Anderen, wird seiner menschlichen Natur gerecht und kann im eigentlichen Sinne konstruktiv fürs Ganze wirken. Ist das nicht auch die zentrale christliche Grundaussage, wenn Jesus sagt, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“?

 

Ein Spannungsfeld, in welchem wir heranreifen

Was bedeutet das aber für unser Leben, wenn wir uns für Freiheit in Solidarität einsetzen wollen? Wenn wir uns selbst und die Bedürfnisse von anderen Wesen ernst nehmen wollen? Wenn wir vielleicht sogar anerkennen, dass es Freiheit ohne Geschwisterlichkeit und Kooperation gar nicht gibt? Ist das nicht ein enormes Spannungsfeld, das sich eröffnet, sobald wir uns selbst und genauso die anderen ernst nehmen oder vielleicht sogar „lieben“ wollen, wie Jesus es ausdrückt?

Ja, das ist es. Es braucht tatsächlich eine große Entschlossenheit und Bewusstheit, um diesem Spannungsfeld standzuhalten und nicht vorschnell das Eine über das Andere zu stellen. Tatsächlich muss die Balance zwischen Freiheit und Solidarität in jeder Beziehung immer wieder neu ausgelotet, ja sogar oft errungen werden. Doch diese Anstrengung lohnt! Denn nicht nur unsere Beziehungen werden es uns danken, sondern auch wir selbst werden in diesem Spannungsfeld wie sonst nirgends zum vollständigen Menschen heranreifen.

 

ÜBUNG: Zwischen Freiheit und Solidarität

Reflektiere darüber, wo dir derzeit das Spannungsfeld zwischen persönlicher Freiheit und Solidarität begegnet:

  • In welchen persönlichen Beziehungen oder in welchen gesellschaftlichen Konflikten entdeckst du dieses Spannungsfeld?
  • Wo erlebst du dieses Spannungsfeld für dich persönlich als besonders schwierig oder herausfordernd?
  • Wie gehst du üblicherweise damit um?
  • Welchen der Werte (Freiheit oder Solidarität) schätzt du als höher ein? Spiegelt sich das auch in deinem Verhalten wider?

Dann nimm eine konkrete Situation, in der sich das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Solidarität zeigt und arbeite mit folgenden Fragen:

  • Was ist richtig daran, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich für diese einzusetzen?
    Finde mindestens 3 Argumente dafür und spür, was sich innerlich ausbreitet, wenn du spürst, dass du und dein Bedürfnis wertvoll sind.
  • Dann frage dich: Was ist richtig daran, die Bedürfnisse von anderen wahrzunehmen und sich darauf annehmend zu beziehen?
    Finde auch hier mindestens 3 Argumente dafür und spür danach, was sich innerlich ausbreitet, wenn du dich für Solidarität öffnest?
  • Erkunde jetzt, wie es sich für dich anfühlt, wenn beide Pole gleich wertvoll sind:
    Lass dazu eine Gebärde oder Körperhaltung oder ein inneres Bild auftauchen. Schlüpfe in die Körperhaltung oder in das Bild hinein und erkunde, welches Erleben in dir auftaucht…
    Wie erfährst du von hier aus die konkrete Ausgangssituation? Und wie verhältst du dich von hier aus?