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Achtsames Leben – Die Normalität an der Oberfläche

von Richard Stiegler

Wenn man durch eine Stadt läuft und die vielen geschäftigen Menschen an sich vorbeiziehen sieht, könnte man im ersten Moment denken, dass die meisten Menschen gesund seien und ein „normales“ Leben führten. Doch stimmt dieser oberflächliche Eindruck? Kennen wir irgendeinen Menschen, der keine körperlichen Gebrechen oder konstitutionelle Schwächen hat? Gibt es eine Person, die nicht seelische Verwundungen in sich trägt, die ihr immer wieder zu schaffen machen? Gibt es wirklich eine heile Familie, in deren Geschichte es noch keine Brüche, Suchtprobleme oder Schicksalsschläge gab?

Der oberflächliche Eindruck täuscht. Wir alle sind zutiefst verletzlich und haben diese Verwundbarkeit bereits auf die eine oder andere Weise erfahren müssen. Wie würde sich unser Selbstverständnis und unser Verhalten verändern, wenn wir die Verwundungen der Menschen, die uns umgeben, sehen könnten?

 

Was ist normal?

Als ich einmal einen Workshop über psychosomatische Krankheiten hielt, bat ich die Teilnehmenden, alle Stellen ihres Körpers, die krank, konstitutionell geschwächt oder mit seelischen Verwundungen belegt waren, mit leuchtend orangem Krepppapier zu kennzeichnen. Das Ergebnis war eindrucksvoll: Der ganze Raum leuchtete orange.

Ist es also die Normalität, dass sich Menschen gesund und heil fühlen und ohne innere oder äußere Beeinträchtigungen durchs Leben gehen? Oder ist es ein natürlicher Bestandteil des Lebens, dass wir auf jeder Ebene verletzlich sind und daher immer wieder verwundet werden?

 

Verwundung als Makel

Mundet es da nicht seltsam an, dass sich so viele Menschen für ihre Verwundungen schämen und diese wie einen Makel verstecken? Ist es ein Makel, wenn ich als Kind verlassen oder missbraucht wurde? Wenn ein Elternteil Suchtprobleme hatte oder einen Suizid begangen hat? Bin ich weniger Wert, bloß weil ich eine körperliche Schwäche habe, die mich einschränkt?

Natürlich würden wir alle sagen, dass eine Verwundung, welcher Art auch immer, unseren Wert als Mensch nicht schmälert, und doch empfinden wir es innerlich meist anders. Schwächen und Verwundungen scheinen etwas zu sein, das uns unsere Würde nimmt. Ist das nicht eigenartig?

 

Was uns eigentlich verletzt

Wenn wir diese Dynamik genauer betrachten, dann erkennen wir, dass uns jedes schlimme Ereignis und jede Verletzung auf uns selbst zurückwirft und mit Einsamkeit konfrontiert. Wenn wir in diesem Moment nicht verständnisvoll begleitet werden, dann zementiert sich die Einsamkeit und über die Verwundung legt sich eine Schicht von Isolation. Man könnte also sagen: Die ursprüngliche Verwundung und das Geschehen, welches in unsere Welt einbricht, ist nicht das Eigentliche, das uns die Würde nimmt, sondern das Alleingelassen-Werden und Unverstanden-Sein darin. Dadurch verknüpfen wir mit der Verwundung Gefühle von Scham und Isolation und verbergen diese vor anderen. Wenn wir aber unsere wahren Gefühle verbergen müssen, verstärkt das nochmal das Gefühl der Einsamkeit.

Die schwersten Wege werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust, das Opfer sind einsam….

Hilde Domin

Da die meisten Verwundungen leicht zu verbergen sind und es in unserer Kultur nicht üblich ist, diese offen zu zeigen, können wir schnell den Eindruck gewinnen, dass alle um uns herum heil und gesund und nur wir selbst verwundet sind. Das verstärkt wiederum das Gefühl der Scham.

 

Die Bedeutung echter Zeugenschaft

Diesen Teufelskreis von Scham und Isolation können wir nur durchbrechen, wenn wir realisieren, dass nicht die Verwundung uns die Würde nimmt, sondern die Überzeugung, sie verbergen zu müssen. Dadurch entsteht eine innere Isolation, welche wiederum oft zu einer Härte gegenüber uns selbst und anderen führt. Wie leicht kann es geschehen, dass Opfer von Gewalt, wenn sie den Schmerz verleugnen, selbst gewalttätig und damit zu Tätern werden?

Erst wenn unsere Verwundung in Liebe gesehen wird, können wir wieder unsere Würde darin empfinden. Dazu brauchen wir den Mut, uns zu zeigen und Menschen, die mitfühlend und verständnisvoll unsere Verwundung bezeugen. Echte Zeugenschaft ist der Schlüssel, um zu spüren, dass wir in und mit der Verwundung eine Würde haben.

Letztlich müssen wir uns bewusst machen: Heil-Sein bedeutet Ganz-Sein. Das sind wir aber nicht dort, wo wir von allen Verletzungen frei sind, sondern wo diese einen würdevollen Platz in uns haben. Als Mensch vollständig sind wir nämlich nur mit all unserer Zerbrechlichkeit und unseren Verwundungen. Wenn wir dies anerkennen, können wir sogar mit Wunden, die uns ein Leben lang begleiten, in Würde leben und uns darin mit allen anderen Menschen verbunden fühlen.

Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich selbst noch andere erkennen. Er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unserem Nächsten…

Richard Beauvais

 

ÜBUNG: Heilsame Zeugenschaft

Diese Übung kann alleine imaginiert werden. Sie ist aber noch viel kraftvoller, wenn sie zu zweit – also mit einer konkreten Zeugenschaft – durchgeführt wird.

  • Lass eine Verwundung auftauchen, die du als Makel empfindest. (z.B. eine körperliche oder seelische Verwundung, ein Scheitern oder etwas in der Familie, wofür du dich schämst.)

  • Erforsche jetzt, wie du die Verwundung von innen her erfährst: Visualisiere die Wunde als fantasievolles Bild. Dann schlüpfe in das Bild hinein und fühle die Wunde von innen her. Welcher Gestaltausdruck passt dazu? Welche Empfindungen und Gefühle tauchen hier auf? Lass dir Zeit, zu erkunden, in welche Welt du hier kommst…

  • Dann stell dir vor, dass ein Mensch, dem du vertraust, jetzt bei dir ist. Wie müsste der Kontakt gestaltet sein, damit du dich in der Verwundung gesehen und angenommen fühlst? Stell dir so konkret wie möglich vor, dass dieser Mensch auf diese Weise bei dir ist und lass dir Zeit, bis es deine Seele erreicht.

  • Stell dir jetzt vor, diese Art von Kontakt wäre eine Botschaft an dich: Welche Worte tauchen auf?

  • Nimm den Kontakt und die Botschaft tief in dich hinein und fühle dabei, was sich in Körper und Seele ausbreitet. Wie erfährst du es und was verändert sich innerlich, wenn die Verwundung gewürdigt wird? Wie kannst du dann in deinem Leben und in deinen Beziehungen sein?

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